Ich wollte es ja nie wieder tun. Hatte meine schlechtere Hälfte sogar gebeten, das Programm aus dem Fernseher zu löschen oder irgendwie zu sperren. Wegen der Risiken. Für das Herz, den Kreislauf und vor allem die Seele, die zartbesaitete. Und trotzdem ist es wieder passiert. Trotz aller Vorsätze bin ich mal wieder einen Abend beim MDR gelandet, diesem Ganztageskinderprogramm für die geistig Zurückgebliebenen im Lande. "Was RTL mit "Popstars" und "Deutschland sucht den Superstar" kann, das können wir im Beitrittsgebiet schon lange", müssen sich die Programmverantwortlichen bei mittelmäßig-debilen Rundfunk in einem Anfall von maßloser Selbstüberschätzung gesagt haben. Und "Deutschland sucht den Lucky Star 2003" aus der Taufe gehoben haben. Immerhin verdanken wir dieser Initiative ein Lehrbuchbeispiel bzw. einen Lehrfilm darüber, wie man Fernsehen definitiv nicht macht.
Sechs Kandidaten gingen in der Adolf-Hitler-Halle zu Hoyerswerda an den Start, wobei zur Sicherheit noch nicht einmal live, sondern playback gesungen wurde. Zur Strafe bekam jeder der auftretenden "Künstler" einen "prominenten" Paten an die Seite gestellt, zumeist Herrschaften, die selbst in alzheimerfreien Haushalten schon vor Jahren in Vergessenheit geraten waren, und deren ebenso "spontane" wie "witzige" Einlagen den guten alten Joachim Bublath als Meister des Improvisationstheaters erscheinen ließen.
Startnummer eins: "Hannes Orange", der dem dankbaren Chronisten die Gelegenheit gibt, den alten, eigentlich auf Angela Merkel gemünzten Witz zu reanimieren: "Was macht Hannes Orange mit seinen alten Klamotten? - Er trägt sie!". Zudem prahlte der gute Mann aus Beitrittsdeutschland schon im Vorgespräch damit, jedenfalls mal kein Englisch zu können und daher auf Deutsch singen zu müssen. Aber beim "Laggy Stoar" auftreten wollen, das ist schon frech! Immerhin hatte er sich aus dem Ost-ALDI so eine Art Sammy Davis Parodie für Kindergartenabbrecher mitgebracht, für die schwierigen englischen Refrainpassagen im Playback. Merkst Du etwas, geneigter Leser? Ja, logikfrei war das Ganze schon organisiert.
Und hirnfrei, weswegen die Verantwortlichen auch keine Bedenken hatten, den verwüstlichen Peter Kraus einzuladen. Zusammen mit dem deutschen Bundeskanzler im Guinessbuch der Rekorde aufgeführt als die beiden ältesten Männer ohne ein einziges graues Haar. Ob das aber, lieber Pit Kraus, von schrecklich viel Fingerspitzengefühl zeugte, ausgerechnet in der SBZ auf die Frage nach den Ursachen des Erfolges in den fünfziger Jahren zu antworten: "Die anderen haben damals eben Blockflöte gelernt und ich Gitarre". Blockflöte? Da war doch mal was...
Startnummer zwei, und glaubt mir, es kam noch besser: Projekt 41! Fünf Sachsen, darunter ein optisch durchaus auffälliger Lied-Sänger oder wie der halt heißt, der vorne steht, mit dem Mikro und der wo so tut, als könnte und würde er singen. Seltsam, bisher hatte ich immer gedacht, VoKuHiLa sei seit etwa 15 Jahren zu Recht aus der Mode gekommen. Aber zusammen mit dem irren Blick - man könnte vom Gesichtsausdruck eines tollwütigen Marty Feldmann sprechen - und dem sächsischen Dialekt irgendwie doch ein Gesamtkunstwerk, der Mann. Offen blieb die Frage, ob der Name Projekt 41 den addierten IQ der fünf Tonleitervergewaltiger bezeichnet oder darauf zurückzuführen ist, dass der "Lied-Sänger" gerade beim Amtsgericht Treuenbrietzen 41 Ostmark Schadensersatz von seinem Friseur einklagt. Irgendwie hatte das ganze etwas von BAP für Sozialhilfeempfänger.
Dazu passte auch, dass ausgerechnet die Spider Murphy Gang als Pate der Projektler ins Studie getragen wurde. Die kaum achtzigjährigen Rocker gaben dann auch gleich ein Medley ihrer aktuellen Kracher wie "Skandal im Sperrbezirk" zum Besten. Da musste sogar der Applaus vom Band eingespielt werden. Und das im Osten, wo das Zwangsklatschen bei Großveranstaltungen doch eigentlich bekannt und eingeübt sein müsste.
Bei dieser Gelegenheit auch mal ein Wort zu der Dame, die uns mit ihren witzigen und spontanen Kommentaren - nur leicht stockend abgelesen von einer vierstelligen Zahl von Karteikarten - so prachtvoll durch den Abend geleitete. Yvonne Catterfeld heißt das einmalige Talent, das uns gut 90 Minuten lang den Nachweis lieferte, dass Moderator sich etymologisch offenbar vom Verbum (ver-)modern ableitet. Nicht einen einzigen Halbsatz konnte sie bei ihrer Moder-ationspremiere frei formulieren, von der zu hoffen bleibt, dass es zugleich auch die Abschiedsgala der blonden Antwort des Ostens auf Susan Stahnke bleibt. Wegen der vielen Karteikarten könnte sogar der Verdacht begründet sein, dass es sich um einen lochkartenbetriebenen Moderationsroboter aus alter VEB-Produktion handelte.
Nun aber zu Startnummer drei, der charmanten Giulia Faye. Sie sang bzw. playbackte tieftraurig "you are so far away" und grinste dabei gleichzeitig so heftig, dass ihr die Mundwinkel bis in die Ohrwascheln ragten und man ihr die Trauer über die Abwesenheit des Geliebten ohne weiteres abnahm. Nichtssagendes Geträller zwar, aber immerhin blond, das Mädel, wenn das nicht für den Grammy für Automatenknacker reicht!
Und Paten hatte man ihr auch zur Seite gestellt, sogar gleich vier. Nämlich B3 und deren Manager, der gleich ins Mikro faselte, der Tod von Maurice Gibb sei "keine gute Sache" gewesen. Stimmt wohl. So wie das Anzünden von Asylantenheimen in Hoyerswerda seinerzeit "ein Fehler", der Anschlag auf das World Trade Center "eine schlechte Pilotenleistung" und die Wiedervereinigung "nicht richtig" war.
Startnummer vier: Die Gruppe Saratoga mit ihrer frenetisch angefeuerten Sängerin aus Hoyerswerda. Das Mädel dürfte zugleich die einzige "Künstlerin" weltweit sein, die nicht einmal im Vollplayback den Ton trifft. Platz zwei in diesem Wettbewerb der Inkompetenz dürfte übrigens - mit reichlich Vorsprung vor der drittplazierten Nena - der lustige Captain Jack belegen, den man Saratoga folgerichtig als Paten zur Seite gestellt hatte. Gut, der alte Captain kann zur Entschuldigung für seine Mitwirkung an der Sendung immerhin den unlängst erlittenen Schlaganfall vorbringen. Beachtlich aber, dass er trotz der Krankheit ganz der Alte geblieben ist: Er hat noch immer keine nennenswerte Stimme.
Startnummer fünf: Silbermond. Als die sechs sabbernden Sachsen auf die Bühne kamen, fiel mir als erstes auf, dass da irgend jemand C&A-Klamotten aus den Fünfzigern gehortet haben muss. Ein Fall von optischer Körperverletzung durch den Kostümbildner, soviel steht fest. Das wird noch beim 3. Strafsenat des Amtsgerichts Hoyerswerda oder wahlweise beim RTL-Strafrichter zur Anzeige gebracht werden, versprochen! Die Typen fingen erst einmal mit einer Nena-Imitation an und bewiesen damit, dass nicht jeder, der nicht singen kann, deswegen gleich das Format (DIN A 18) der unbekümmerten Trällerelse mit Asifrisur hat, die in den Achtzigern mit ihren urkomischen Tanzparodien stets für volle Häuser und Zuschauer gesorgt hatte. Da konnte Silbermond nicht ranreichen, trotz der trendigen Farbkombination rot-grün-gelb-oliv im Outfit der Lied-Sängerin. Auch sonst ging es nach dem bewährten NDW-Schema: Sinnfreie Texte sowie ein recht übersichtliches Repertoire von zweikommavier ausdruckslosen Gesten und nullachtfuffzehn-Beats.
Kein Wunder, dass "Pate" Laith Al Dean spontan seinen Song "Es ist traurig" zum Besten gab, irgendwie so eine Art insgeheimes Motto der ganzen Veranstaltung.
Startnummer sechs: Angelzoom, eine weitere Sängerin aus dem Beitrittsgebiet, bei der man sich vor allem fragte, was genau die Altölflecken auf ihrem Abendkleid zu bedeuten hatten. Ihr Pate "DJ" Bobo liest uns - recht flott für einen Schweizer - von den Karteikarten vor, dass sie aus einer Musikerfamilie stamme. Klar: Vater Arschgeige, Mutter mit Trommelbauch. Das alles entschuldigt aber nicht das dann folgende Esotherikgejammer, das die Dame tatsächlich als Pop zu bezeichnen die Frechheit hatte.
Irgendwie hatte das Ganze wieder einmal etwas von einer Schwerbehindertenolympiade. Die Moderatöse konnte zum Schluss nicht einmal das TED-Verfahren richtig erklären und zeigt uns eine ganz neue, ungeahnte Dimension von Überforderung. DJ Bobo, den seine Mama - oder Muddi, wir sind ja in der Zone - auch wieder ganz besonders fein gemacht hatte, belästigte uns noch ein paar Minuten mit dem üblichen Happy People Gebrauchspop von der Stange und dann wurde unter den drei Anrufern, denen es offenbar nicht egal war, wer von den Versagern nun die goldene Ananas bekommt, noch ein Auto verlost. Was die Moderatöse zu der unfreiwillig komischen aber sicherlich zutreffenden Bemerkung verleitete: "Jetzt haben wir schon einen Zuschauer glücklich gemacht." Mehr aber auch nicht. Immerhin ging das Auto wenigstens in den Westen, weil irgendein Zuschauer aus Ingolstadt angerufen hatte. Der Sieger der ganzen Veranstaltung bekam ganz am Ende übrigens noch einen exklusiven Künstlerexklusivvertrag. "Das finde ich ganz, ganz doll" um es einmal mit Mareike Amado zu sagen. Wer der Sieger war? Nebensache! Im Zweifel der, der schon vor der Sendung auf das Testbild umgeschaltet hatte.
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