| |
Das Kulturtagebuch Gutmenschenalarm und Betroffenheitstsunami
Erste Februarwoche:
Was ist denn bei der ARD wieder los? Da strahlt der NDR eine seiner verschnarchten Quizshows mit echten norddeutschen "Typen" und "Charakterköpfen" aus. Soweit, so wenig spannend. Aber dann - anders als sonst, wo die Antwort auf fast alle Fragen des "quirligen Moderators" Jan Hofer immer wieder "Hallig Hooge" oder "Otto Walkes" ist, manchmal auch beides - plötzlich die folgende Frage: "Was durfte Madonna laut Gerichtsbeschluss im April nicht mit aus Malawi nach Hause nehmen? a) Pelzmantel, b) High Heels, c) Designerfummel, d) das kleine Schwarze?
Hey, endlich mal eine lustige Frage, mit einer netten Anspielung auf die missglückte Adoption eines schwarzafrikanischen Kindes. Und was passiert? Schon am nächsten Tag fallen die politisch Korrekten über Hofers Jan her, wie die Unterschichtler über den neuen Doppel-Whopper. Wie kann man ein Kind auf eine Stufe mit Kleidungsstücken stellen? Wie kann man sich nur so über die Schwarzafrikaner lustig machen? Die Gutmenschentaliban schäumten kräftiger als eine gut geschüttelte Flasche Roederer Cristal. Ausgerechnet gegen Jan Hofer. JAN HOFER! Den kennen wir ja als "knallharten" Journalisten, immer so provokant, mit so brutalen Fragen, so zynischen Kommentaren, dass es von ihm moderierte Sendungen eigentlich nur noch auf Rezept gibt, wegen der stark sedierenden Wirkung. Wahrscheinlich hat der Hoferjan selbst gar nicht verstanden, warum d) die richtige Antwort war. Aber eines war zu erwarten: Dass sich der NDR sofort beim Publikum entschuldigt hat. Man habe die Gefühle der Zuschauer auf keinen Fall verletzen wollen. Auch wieder scheinheilig. Hier ging es doch nur darum, den eigenen Hintern zu retten. Ehe der Betroffenheitstsunami noch einen Rundfunkrat vom Stuhl spült. Denn das geht schnell, da muss man ganz vorsichtig sein.
Liebe Weltöffentlichkeit: Ich entschuldige mich hiermit im Namen des deutschen Volkes für die duckmäuserische, spießig-kleinkarierte Entschuldigung des NDR. Es war sicher nicht die Absicht des NDR, damit die Deutschen zu verblödeten Betroffenheitsaposteln herabzuwürdigen. Wir Deutschen haben an sich schon Humor und sind auch schon mal ein klein wenig zynisch. Nur nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir anderen außerhalb der "Anstalten" erlauben es uns schon, gelegentlich auch mal zugespitzt und satirisch überhöht darauf hinzuweisen, dass es vielleicht keine so ganz gute Idee ist, wenn in zunehmendem Umfang Kinder aus veramten Weltgegenden als Modeaccessoires an Pop- und Filmikonen verkauft werden. Ohne dass zunächst die - bei jedem anderen Adoptionswilligen obligatorische - Tauglichkeitsprüfung angestrengt wird. Obwohl: Kinder sind natürlich der Schlager für die Exportbilanz von Drittweltstaaten. Zumal es sich um nachwachsende Rohstoffe handelt. Und dass man mit dem Export von Frauen allein nicht auf Industriestaatenniveau kommt, sondern bestenfalls bis auf Schwellenländerlevel, beweisen ja Thailand und Vietnam zur Genüge.
Zweite Februarwoche:
Schon wieder Betroffenheitskirmes, und auch diesmal wieder im Zusammenhang mit Afrika. Erlaubt es sich doch der deutsche Entwicklungsminister Niebel, sich beim Staatsbesuch in Ghana mit einer Bundeswehrmütze gegen die Sonne zu schützen. In Afrika hat das keinen gestört, allenfalls dürfte man den Minister aus Deutschland für einen Meister des Understatements gehalten haben. Laufen doch die afrikanischen Potentaten selbst gerne mal in weitaus pittoreskeren Klamotten herum, bis hin zu Generalsuniformen, in denen sich noch jeder Operettendarsteller overdressed fühlte. Gut, aber nur weil die Niebelmütze in Afrika keinen stört, heißt das ja noch lange nicht, dass die Gutmenschenguerilla in Deutschland nicht mit der Verbalkalashnikow auf die Barrikaden gehen müsste (ja, liebe Gutmenschen, damit ihr gleich noch zwei Blutdruckpunkte auf der Trimmspirale sammelt: das militärische Sprachbild ist an dieser Stelle volle Absicht). Denn da muss auch die Würde jenes Afrikaners geschützt werden, der diese Würde gar nicht verletzt sieht. Sofort war also die Rede von einem Versuch zur Wiederbelebung des deutschen Kolonialreichs. Na klar - im 17. Jahrhundert hatten die Brandenburger in Ghana ja mal eine Festung. Die älteren Ghanaer werden sich wahrscheinlich noch erinnern. Seltsam nur, dass auf dem Balkan keiner auf die Idee kommt, den Deutschen neokoloniale Ansprüche nachzusagen - denn dort sind ja jede Menge Deutsche in voller militärischer Montur unterwegs, im Kosovo und in Bosnien, zwischendrin auch mal in Mazedonien. Und dort gab es ja in sehr viel jüngerer Vergangenheit mal einen Versuch der Kolonialisierung. Aber die Bundeswehr kolonialisiert ja nicht, das macht ja traditionell das Entwicklungsministerium. Deswegen ist ein Niebel mit Mütze wohl so gefährlich. Richtig nett finde ich, dass Niebel sich von dem Gutmenschengejaule nicht beeindrucken lässt und im Web erst einmal seinen Hund Hermann mit derselben Mütze ablichtet (siehe hier). Vorsicht Gutmenschen - wenn Hermann Niebel Gassi geht, ist nicht auszuschließen, dass sich dahinter ein Polenfeldzug verbirgt. Oder Österreich heim ins Reich gepinkelt wird. Der Niebel lichtet sich!
Dritte Februarwoche:
Was ich noch gar nicht so wusste: Auch die Schweiz hat ihre Gutmenschen. Die auf Recht und Ordnung achten. Also jetzt vor allem darauf, dass die Gesetze der Schweiz auch in Deutschland beachtet werden. Denn wenn die Bundesregierung oder eine unserer schimmligen Landesregierungen eine Daten-CD aufkaufte, auf der genau zu sehen ist, wer sein Geld steuerhinterziehend in die Schweiz verklappt hat, dann sei das Hehlerei an in der Schweiz gestohlenen Daten. Meinen die Schweizer. Und faktisch auch die Anstiftung zu neuen Datendiebstählen. Meinen die Schweizer. Liebe Schweizer - es mag ja wehtun, wenn Euch da ein Geschäftszweig wegbricht. Aber ist es nicht auch ein klein wenig schweizerische Anstiftung zur Steuerhinterziehung in Deutschland, wenn Ihr mit Eurem Bankgeheimnis gerade dazu einladet, dass unsere Millionäre ihr Geld auf Eure Banken tragen? Und dabei vergessen, dass da ja auch Steuern zu zahlen wären? Könnte man nicht alttestamentarisch sagen Auge um Auge, Zahn um Zahn? Noch dazu, wo die EU jetzt mit Blick auf die bei Euch vergrabenen Steuermilliarden die Schweiz in Hehl-vetia umbenennen möchte?
Vierte Februarwoche:
Soweit der Exkurs ans Matterhorn. Schon in der Woche drauf liefen unsere Betroffenheitssportler wieder Amok. Ist Schiedsrichter Amerell Jesuit? Muss für Oettinger jetzt in Brüssel Schwäbisch als neue Amtssprache der EU eingeführt werden? Was ist von der Urin-Anreicherung im Iran zu halten? Plutonium-Doping? Wann reagiert das IOC? Tja, und dann waren da ja auch mal wieder die Seelsorger der Republik. Wir haben gelernt, dass es auf Jesuitenschulen nicht immer so eine gute Sache ist, wenn die Lehrer voll hinter den Schülern stehen. Und dass es neue Abisprüche gibt - "ab(i)used" zum Beispiel. Oder, ganz neu im Programm, "Duschk-ABI-ne". Nur gut, dass dann ganz schnell die breite Bischöfin am Steuer die Aufmerksamkeit auf sich zog und davon ablenkte, dass an katholischen Schulen noch immer die Rute gebraucht wird. Lallelujah! Das ganze Trauerspiel bei den Klerikalen soll ja der Berufsberatung für straffällige Jugendliche völlig neue Impulse gegeben haben. Denen, die wegen Sexualdelikten sitzen, wird ein Studium der katholischen Theologie empfohlen, während denen, die wegen Alkoholdelikten sitzen, ein Studium der evangelischen Theologie nahegelegt wird.
Während Trickbetrüger wahrscheinlich sofort einen Mitgliedsantrag für die SPD erhalten. Wollte uns der Generalsekretär Hubertus Heil doch dieser Tage erklären, dass auf jeden Fall zwischen CDU-Politikern, die für einen Gesprächstermin Geld in die Parteikasse verlangen, und SPD-Politikern, die für einen Gesprächstermin Geld in die Kasse der Parteizeitung verlangen, ein himmelweiter Unterschied bestünde. Das dürfe man auf keinen Fall vermengen. Ich erkläre mal, wie der unheilbare Hupsi das gemeint hat: Wenn einer sich auf eigene Rechnung verkauft, dann ist das nur Prostitution. Verkauft sich aber einer im Auftrag von anderen, dann ist das Prostitution mit Zuhälter. Insofern ist Rüttgers Club dann nur ein Puff, die SPD aber ein Puff mit Zuhälter. Alles klar, Hupsi, Du bist geheilt entlassen! Ob Du mit derart dümmlichen Sprüchen allerdings die Laufzeit von Eurem Kraft-Werk in Düsseldorf verlängern kannst? Ich habe Zweifel.
Gefreut hat mich dagegen die Geschichte mit Herrn Kramer. Der, wir kennen das von den Holländern auf Deutschlands Autobahnen, beim Eisschnelllauf die linke Spur benutzte. Und damit genau die, auf der die Holländer nix verloren haben. Könnte man die auf den Autobahnen nur auch so einfach disqualifizieren wie bei Olympia. Danke Jacques Rogge. By the way: Als Rheinländer frage ich einfach mal: Heißen die Kinder von Jacques Rogge eigentlich Röggelchen?
Ach und noch was: Findet noch jemand, dass der Lanz immer mehr aussieht wie eine Mischung zwischen dem frühen Haider und dem späten Bierhoff?
Zum Abschluss gleich noch eine Frage: Was soll eigentlich diese doofe Postbankwerbung: "Unterm Strich zähl ich"? Ein Fall für Bastian Sick, von der Präpositionenpolizei. Richtig muss es heißen: "Aufm Strich zahl ich" Dafür heißt es dann auch Prost.-Bank. Da haben auch der Rüttgers und der Vorwärts ihre Konten.
ni |
| Das Kulturtagebuch Hochbarock des privaten Hairweavings bei der Post
In diesem Monat wollen wir uns einmal unseren Freunden aus der Dienstleistungsbranche widmen! Und an wen denken wir in der Dienstleistungsbranche als erstes? Natürlich an unsere Lieben von der Post. Die hatten in diesem Monat wieder einmal eine ganz tolle Idee: Das Porto für alle Briefe, die nicht in weißen Kuverts verschickt werden, soll künftig auf 90 Cent angehoben werden. Näheres findet man zum Beispiel hier.
Interessant ist vor allem die Begründung. Die Maschinen in den Verteilzentren können angeblich die Adressen auf bunten Umschlägen nicht lesen. Wenn ich das richtig verstehe, sind diese Lesegeräte sowieso die einzigen, die bei der Post noch lesen können. Wenn da mal etwas "von Hand entziffert" werden muss, wie die Post das nennt, müssen offenbar immer gleich teure Consultants angeheuert werden. Könnte wohl wirklich so sein, denn auch die Briefträger heißen ja nicht etwa so, weil sie die Briefe tragen. Die haben für den Transport längst Autos. Vielmehr handelt es sich bei der Bezeichnung Briefträger um ein Kompositum aus Brief und dem Komparativ von "träge". Als kleiner Hinweis darauf, dass der Faktor Mensch bei der Post eher verlangsamende als beschleunigende Wirkung ausübt.
Wer das nicht glaubt, der muss nur einmal den Herrn Schimkoreit besuchen.
Den findet man auf dem Postamt Bonn. Das kann man ja heute so schreiben, weil es inzwischen in Bonn wohl nur noch ein Postamt gibt. Nicht wie früher, wo man immer die lästige Qual der Wahl hatte, ob man ins Postamt Beuel, ins Postamt Godesberg, ins Postamt Mehlem, ins Postamt Bonn Mitte, ins Postamt Lannesdorf oder ins Postamt Hardthöhe geht. Aber damals trank man ja auch noch Sechsämtertropfen, dafür habe ich auch lange keine Werbung mehr gesehen. Wahrscheinlich, weil es die sechs Ämter nicht mehr gibt.
Herr Schimkoreit steht also im Postamt Bonn-Mitte. Meistens am Schalter neben dem Schalter des "Vogelnestmannes". Der in Wahrheit natürlich anders heißt. Aber irgendwie mag ich mir die Namen der Schalterbesetzer bei der Post nur selten merken, Herr Schimkoreit belastet mein Hirn bereits und raubt mehr Speicherplatz als einer Institution wie der Post eigentlich insgesamt zustehen sollte. Zumal ich mir ja auch noch die Vorsitzende der Postgewerkschaft merken muss (Ursula Stempelt-Langsam). Und dann hat der Vogelnestmann ein Alleinstellungsmerkmal, das weitaus charakteristischer ist als es je ein Name sein könnte. Eben das "Vogelnest". Da denkt man erst an das Stadion von Peking, dann an ein Storchennest. So irgendwo dazwischen haut es hin, denn der Vogelnestmann trägt mittig auf dem Kopf eine "Frisur" vom Ausmaß mindestens eines Storchennests und höchstens eines Sportstadions. Auch ein wenig davon abhängig, wann er zuletzt beim Friseur war. Oder wieviel Haarspray gerade mal wieder Verwendung gefunden hat. Das besondere Charakteristikum dieser Frisur besteht daran, dass sie das wohl vollendetste Beispiel eines Versuchs zur Glatzenkaschierung durch Rundkämmung des verbliebenden Haupthaars darstellt. Hochbarock des privaten Hairweavings, könnte man sagen. Ein Klassiker, irgendwie sehr fünfzigerjahresk, weil auch Kleidung und Habitus eher rückwärtsgerichtet erscheinen (das ist nun allerdings corporate identity bei der Post) und weil, na ja, der Versuch, hier ernsthaft noch irgendwem einen vollen Haarschopf vorspiegeln zu wollen, irgendwie ein wenig naiv wirken mag. Wie vielleicht auch ganz generell eine solche Eitelkeit bei einem Sechzigjährigen, gefühlt Siebzigjährigen (zehn Jahre optischer Altersvorsprung sind ebenfalls Bestandteil der corporate identity der Post, die ist ihrer Zeit eben einfach voraus), mit komplett grauem Schopf eher putzig wirken mag. Und dann auch noch so ein Extremfall. Wissenschaftler vermuten, dass diese gesamte Frisur letztlich nur aus einem einzelnen Haar besteht. Das seit dem mittleren Pleistozän nicht mehr geschnitten worden ist und mittlerweile die Länge von rund vierzig Kilometern hat.
Aber das alles dient ja nur der Anfahrtsbeschreibung zu Herrn Schimkoreit. Funktioniert besser als jedes Navi. Der Vogelnestmann ist als "landmark" unübertroffen.
Und direkt daneben steht meistens der Herr Schimkoreit. Da muss man schon genau hinsehen, um den zu entdecken. Denn der steht so still, dass man ihn auch für einen Einrichtungsgegenstand halten könnte. Inzwischen gibt es so Zeug ja in modernen Einrichtungsläden. Aber da die Post niemals so modern wäre, neumodische Raumteiler aufzustellen, könnte man eigentlich drauf kommen, dass es doch ein Lebewesen sein muss. Wenn der nur nicht so verflucht still stünde!
So ganz leicht ist es nicht, ihn aus der Katatonie herauszuholen. So ein Kaltstart ist ja auch nicht gut für den Motor. Wenn also ein Kunde begriffen hat, dass er am Schimkoreit-Schalter eigentlich bedient werden könnte, sind zwingend einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Zum Beispiel darf man niemals gleich mit komplizierten Arbeitsaufträgen kommen. Das Gespräch mit "Ich hätte gerne eine Briefmarke zu 55 Cent" zu eröffnen, wäre ein kapitaler Fehler. Besser, man wirft erst einmal einen vorsichtigen Gruß der Tageszeit in den Raum, beispielsweise "guten Morgen!".
Dann ist zu beobachten, oder, nein, das ist schon übertrieben - besser müsste man sagen, für Mediziner und auf Postler spezialisierte Ethnologen an winzigsten Regungen in Mimik und Gestik abzulesen, wie Schimkoreit, den inneren Motor anwirft, gaaaaaanz sanft die Kupplung kommen lässt und nach kaum neunzig Sekunden ein erstes "Ääähm, ach so, guten Morgen" entgegnet. Das kann man jetzt gar nicht so langsam aufschreiben, wie es aus ihm herausbröselt. Aber man sollte schon Zeit mitgebracht haben - oder sich eben gleich beim Vogelnestmann anstellen.
Unser Schimkoreit ist dabei keineswegs pampig, mürrisch oder gar verärgert über die unbotmäßige Störung seines Winterschlafs (das Schimkoreit ist neben der Giraffe das einzige Säugetier, das auch im Stehen schlafen kann). Nein, der Kundenkonktakt als solcher ist ihm nicht unlieb, er ist gutwillig und im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr bemüht, das merkt man. Nur halt ein wenig langsam.
Nun hat die Post in ihrem Masterplan zur schrittweisen Aufgabe der Weltherrschaft ja bekanntlich eine geniale Idee entwickelt, wie man Kunden zur Konkurrenz treiben kann. Diese Idee, Vorgänge zu verkomplizieren, ist so wunderbar einfach, dass sie fast schon ein Widerspruch in sich selbst ist. Auf zwei Worte gebracht: DAS FORMULAR!
Irgendwie schon drollig. Jeder andere Laden wird unkomplizierter, wenn er privatisiert wird. Bei der Post ists umkehrt, nach der Privatisierung haben die bürokratisiert, dass es eine Lust ist. Früher bekam man so ein Zettelchen in den Briefkasten, dass da ein Paket für den Herrn Igel angekommen ist. Und dass man dieses unter Vorlage des Personalausweises bei einem der Postämter abholen könne. Man warf sich eine Flasche Sechsämtertropfen ein, nahm sich eine Stunde Zeit für die Schlange vor dem Schalter, kam irgendwann dran, legte den Perso hin, der Schalterzombie beäugte den Perso oberflächlich, verschwand in einer Gruft, keuchte kurz darauf - unter der Last des dreihundert Gramm schweren Päckchens schier zusammenbrechend - mit dem Paket aus seiner Gruft retour und an den Schalter heran. Man unterschrieb auf der Paketkarte, die dann vom Paket abgemacht wurde, schnappte sich das Paket und verzog sich zurück ins traute Heim zur nächsten Flasche Sechsämtertropfen. Man brauchte also nur eine Stunde Zeit für die Schlange, dreißig Sekunden am Schalter und zwei Flaschen Sechsämtertropfen um sich vorher auf das Niveau des Schalterzombies herab- und hinterher wieder auf humanoides Niveau heraufzutrinken.
Das war früher. Heute ist alles digitalisiert. Damit es effizienter geht. Das heißt man findet zwar noch das Zettelchen im Briefkasten und da steht auch noch der gleiche Hinweis drauf. Am Schalter geht es aber ganz anders zu: Erst einmal wird der Perso nicht beäugt, sondern eingesammelt. Dann wird die Nummer des Persos in DAS FORMULAR eingegeben. Irgendwie ein gutes Gefühl, wenn man weiß: Ja, die ist da schon mal drin. Wenn auch mehr im IT-System als im Formular, denn, das hat die Post schon geschafft, DAS FORMULAR ist digitalisiert. Allerdings bleibt die Personummer wohl nicht drin, in diesem IT-System, denn wenn man das Pech hat, bald wieder mal ein Paket abholen zu müssen, wird sie natürlich erneut eingegeben. Gut, die könnte man jetzt speichern, und dann nur noch checken, ists wieder der seltsame Herr Igel mit der bekannten Personummer, der schon wieder eine Lieferung aus Flensburg abholt? Macht man aber nicht. Wenn man die Nummer aber sowieso nicht speichert, warum gibt man sie dann ein - außer jetzt zur Effizienzsteigerung? Und damit ist es natürlich nicht getan, der Schalterinsasse wird nach der Eingabe der Personummer noch eine Vielzahl anderer, für den Kunden auf der anderen Seite nicht wirklich erkenn- oder gar nachvollziehbarer Daten in DAS FORMULAR eintippen.
Die Wissenschaft vertritt hierzu durchaus unterschiedliche Theorien. Während eine Mindermeinung vermutet, dass es sich um zwar zutreffende aber eigentlich für den Paketabholvorgang sinnlose An- und Eingaben handelt (Außentemperatur von 24 Grad Celsius, Dreiachtel Bewölkung, noch vierzehn Tage bis zum diesjährigen Welttoilettentag etc.) vertritt die herrschende Lehre die Auffassung, es handele sich um "Phantomeingaben" bzw. das Betätigen nahezu beliebiger Tastenfolgen. Für die herrschende Lehre spricht, dass sie zum einen die herrschende Leere in den Köpfen der Schalterinsassen berücksichtigt und dass zum anderen vor einigen Jahren eine interne Handlungsanweisung der frühbabylonischen Post publik wurde (Tafel von Rosette), aus der hervorgeht, dass der Schalterinsasse schon damals nur gehalten war, eine bestimmte Mindestanzahl von Keilschriftzeichen in den PG (Persönlicher Granitblock) einzuhacken, egal welche. Auch deswegen hat die Entschlüsselung der Keilschrift so lange gebraucht - vielfach waren die aufgefundenen Texte nur Phantomeinmeißelungen der frühbabylonischen Schalterbeamten und damit Vorläufer des FORMULARS. Da die Post ein Traditionsbetrieb ist, spricht viel dafür, dass diese Handlungsanweisung bis heute gültig geblieben ist.
Und da schließt sich der Kreis zum Schimkoreit. Während der normale Schalterinsasse nur eine gute halbe Stunde benötigt, um auf die vorgegebene Schriftzeichenanzahl zu kommen, kann es beim Schimkoreit schon einmal einige Tage dauern. Man stelle sich die Gestik von Otti Fischer in Zeitlupe vor - das ist der Schimkoreit im fast forward modus.
Für die lange Wartezeit wird man aber belohnt. Durch das glückliche, fast kindliche Lächeln, mit dem sich Schimkoreit, fast möchte ich ihn hier liebevoll "Schimmi" nennen, darüber freut, wenn alle Schalt(er)jahre lang doch mal ein solcher Vorgang abgeschlossen ist und er in die Gruft zu dem Paket "galoppieren" kann. Gut sicher, leicht verderbliche Waren sollte man sich bei ihm nicht abholen - und auch keine Geräte mit IT-Komponenten. Denn bis der PC ausgehändigt wird, ist der längst nicht mehr state of the art. Aber wenn man Zeit hat, ungefähr so viel Zeit wie der Typ in der Jack Daniels Werbung - dann kann man doch mal einen Abenteuerurlaub auf dem Postamt einlegen, oder?
Nicht dass die Konkurrenz besser wäre. Ich habe mit denen von UPS zum Beispiel auch schon viel Spaß gehabt - man kann nie die Filiale anrufen, wo das Paket liegt, das man abholen will, sondern muss eine zentrale Hotline für ganz Deutschland anwählen. Die hat den Vorteil, dass dort keiner irgendwas weiß, so dass anschließend die vollmundig angekündigten Lieferversuche unterbleiben oder auch Abmachungen, keinen neuen Lieferversuch zu machen, weil sowieso keiner zuhause ist, fröhlich ignoriert werden. Dann fährt man zu UPS hin, um sein Paket abzuholen, und erfährt, dass dieses parallel gerade zuhause "zugestellt" wird. Deswegen heißen die auch UPS, das ist eingedeutscht von ooops.
So hat jeder sein Päckchen zu tragen.
Gut, sicher, ich habe ja eigentlich versprochen, mich hier ganz allgemein den Dienstleistern zu widmen; und das war jetzt doch nur wieder der Postbereich. Dabei hätte es gerade in diesem Monat reichlich Anlass gegeben, sich zum Beispiel auch mal wieder mit der Bahn zu befassen. Aber man soll ja keine Behindertenwitze machen. Deswegen frage ich auch nicht, wieso da, wenn im Winter ganz überraschend der Winter einbricht, Züge einfrieren können, Weichen versagen, ganze Strecken stillgelegt werden müssen etc. Aber ich verleihe mal eben den Ehrenigel in Doppelplatin mit Rubinrand an den unbekannten Fahrgast, der, wie dpa meldet, am 2. Februar von der Bahnpolizei im Süddeutschen verhaftet worden ist. Der Mann hatte - nachdem sein Zug wieder einmal Verspätung hatte, diese wieder einmal nicht angesagt worden war (dabei sind Verspätungen bei der Bahn immer angesagter…) und die senk-juh-vor-trähfellink-Bahn sich wieder einmal nicht in der Lage sah, sich wenigstens zu entschuldigen - einfach dem Lokführer ein paar vors Maul gehauen. Respekt! Wenn die Bahn immer mehr Schalter zumacht, den Service immer weiter verschlechtert und die Fahrpläne immer mehr zur virtuellen Realität verkommen lässt, dann wird sie sich auf eine Häufung dieser Art von Kunden"kontakten" einstellen dürfen.
By the way: Wenn das Schule macht, können Schimmi und Co. bei der Post sich gleich schon einmal Eishockeymonturen zulegen - Ganzkörperschutz wäre da wohl mehr als angezeigt.
ni |
| Das Kulturtagebuch Der von aktuellen Ereignissen eingeholte Jahresrückblick
Das Jahresende gibt immer Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und zurück zu blicken. Auszeichnungen werden verliehen - Wahl des Sportlers des Jahres, Verleihung des Friedensnobelpreises, Benennung des Vogels des Jahres (Bernhard, Hans-Jochen oder Jürgen?). Und natürlich die Auszeichnung der dümmsten Banker des Jahres. Ich war schon auf der Türschwelle der KfW, um Vorstandssprecher Schröder den Pokal für 2009 zu überreichen.
 Nick Igel bei der KfW
Da trafen gleich zwei Nachrichten ein, die mich innehalten ließen:
Erstens meldeten die Agenturen, die Bayerische Landesbank habe bei der Hypo Alpe Adria Beträge versenkt, gegen die die 300 Lehmann-Millionen der KfW wie die sprichwörtlichen Erdnüsse des Herrn Kopper wirken müssen. 3 Milliarden haben Stoiber, Huber und Co., also die Wirtschaftsgroßmeister der bayerischen Politik, die den Aufsichtsrat der Bayerischen Landesbank bevölkerten und bevölkern, in diesem österreichischen Kreditinstitut verbuddelt. Hybris Alpe Adria, man wundert sich nur, dass die Bayern einen solchen Investitionsgau ohne den Michel Glos hinbekommen haben. Drei geschlagene Milliarden versenkt, ohne mit der Wimper zu zucken. Damit die Schulden des Freistaats auf einen Schlag verdoppelt, so viele Konjunkturpakete kann die Merkel auf Bundesebene gar nicht packen und in die Zone schicken, dass sie so schnell so pleite ginge.
Die zweite Meldung stand ganz verschämt im Kleingedruckten auf Seite sieben derselben Zeitungen, die in drei Meter großen Lettern auf Seite eins verkündet hatten, die KfW habe ohne Not 300 Millionen Euro an die Gebrüder Lehmann überwiesen. Im Kleingedruckten auf Seite sieben stand nämlich, dass die Lehmänner überraschend 230 Millionen zurück überwiesen haben. Bleiben lumpige 70 Mio. Euro Schaden bei der KfW - damit kommt man heute bei Deutschland sucht den Superbanker nicht mal mehr unter die Top Ten. Also geht die Auszeichnung der dümmsten Banker in diesem Jahr nach München. Glückwunsch!!!
 Vor der Preisverleihung - Nick Igel in München
Apropos warmer Regen von Lehmann - unser ehemaliger Nationaltorhüter scheint zu den Pfadfindern des Fähnlein Pieselschweif gegangen zu sein. Fast schon ein Fall von Bandenkriminalität, was sich Jens Lehmann beim Spiel Stuttgart gegen Urziceni geleistet hat. Schifft der doch an die Werbebanner hin. Wollte er vielleicht nur einen subtilen Hinweis auf den Hauptsponsor geben (Daimler-Brunz?), oder elegant andeuten, wie beschissen das spielerische Niveau der Mannschaft seit Saisonbeginn ist?
Von wegen warmer Regen - starten die in Kopenhagen ihre Klimakonferenz ausgerechnet in den kältesten Dezembertagen, die Europa seit Jahrzehnten erlebt hat. Global warming? Ein schwuler Außenminister reicht dafür wohl nicht. Da wirkt es auch nicht wirklich glaubwürdig, wenn sich der Patenonkel von Knut, Siggi Gabriel, bibbernd und in mehrere Eisbärpelzmäntel gehüllt vor die Kameras stellt und anmahnt, die Kanzlerin müsse mehr gegen die Erderwärmung tun. Dabei hätte es doch einige interessante Ideen gegeben, wie man gerade in den Schwellenländern, die ja nun die Hauptverursacher der Klimakatastrophe sind, etwas gegen die Umweltverschmutzung hätte tun können. Zum Beispiel das Verbot der Witwenverbrennung in den Umweltzonen 1 und 2 in Indiens Großstädten. Es sei nur am Rande an die hier schon vor Jahren erhobene Forderung erinnert, Witwenenergie nur an solchen Standorten zu gewinnen, wo Kraft-Wärme-Kopplung möglich ist. Aber ob der Westerwelle das durchsetzt, der im Außenamt schon nur noch unter dem Spitznamen Westentaschentsunami läuft?
Wo wir gerade vom Außenminister sprechen. Der will doch ernsthaft 2010 zum Jahr der deutschen Sprache erklären. Das Außenamt soll weltweit Programme zur Verbreitung des Deutschen auflegen und finanzieren. Sprachkurse, Germanistikstudium, Kurse des Goethe-Instituts, etc. Ist klar, auf die Weise gibt es dann wenigstens ein paar Leute in jedem Land, mit denen sich unser Superanglist Westerwelle ohne Dolmetscher verständigen kann.
Dennoch, er und sein Generalsekretär Niebel haben bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst so viele liberale Positionen durchgesetzt, dass der Union am Ende weniger Profil blieb als einem Formel Eins-Trockenreifen. Die heißen nicht mehr CDU, die heißen jetzt "Partei niebeltreuer Christen", frohlockte die FDP-Basis am Ende der Verhandlungen.
Und das Wenige, was noch von der Union übrig geblieben war, demontierten die Christdemokraten gleich in den ersten paar Wochen der neuen Regierung. Erst die Party in Afghanistan, frei nach dem Motto "so Jung bomben wir nicht mehr zusammen". Wobei ich noch immer nicht ganz verstehe, wieso der Guttenberg dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Jung die Schweizer Idee umgesetzt hat, ein paar Minarette zur Minna zu machen.
Ach ja, und dann war da ja noch die Idee von Solms und Guttenberg, die Staatsschulden zu reduzieren, indem man einen Schattenhaushalt auflegt. War etwa sechs Stunden lang aktuell, dann kam heraus, dass das verfassungswidrig wäre. Na gut, meinte Solms, in dem Fall machen wir das dann lieber erst im kommenden Jahr. Wer den Schatten hat, spottet jeder Beschreibung.
Die müssen da härtere Drogen nehmen als die Pechstein vor ihren Wettkämpfen. Aber die hat natürlich nie gedopt, auch damals nicht in der DDR. Da hat ja niemand verbotene Mittel genommen. Und auch die Atmosphäre war besser. Und es hatte jeder Arbeit, nicht wie heute, wo z.B. die S-Bahn-Surfer in Berlin beschäftigungslos sind, weil die Züge auf dem maroden Gleiskörper nur noch Schritt fahren können. Es war ja nicht alles schlecht in der DDR. Dort wären die Züge zumindest im Stechschritt gefahren. Und dann die Stasi. Die haben die Mitbürger ja im Grunde nicht überwacht, sondern nur betreut. Pflegestufe anderthalb, so ungefähr. Pünktlich zum zwanzigsten Jubiläum des Mauerfalls fielen in Brandenburg deswegen auch die letzten Hemmungen und holte der Herr Platzeck sich gleich rudelweise die Stasi-Spitzel in die Regierung. Da sieht man es, der Fortschritt ist kaum aufzuhalten. Seinerzeit musste Barschel noch zurücktreten, weil der Engholm bespitzeln ließ, heute dürfen die Leute sogar wichtige Ministerämter bekleiden.
Gerät ja schnell in Vergessenheit, man muss nur warten, bis die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. 2009 war diese Sau meistens die Schweinegrippe. Ganze Landstriche hätte die entvölkern müssen, glaubte man den acht Meter hohen Schlagzeilen auf der BLÖD. Einige hofften schon, es könne den "ehemaligen Osten" treffen. Nix wars, die Betroffenheitsapostel im Privatfernsehen schoben monatelangen Frust über das Ausbleiben der erwarteten Katastrophe. Na ja, nun berichten sie eben über Tiger Woods - von Freunden nur noch Schniedel-Woods genannt - am neunzehnten Loch.
Ich habe ja neulich mal so eine Betroffenheitsmoderatöse kennen gelernt. Moderatöse zu sein ist ja ein schreckliches Schicksal. Die Privatsender zahlen so schlecht, dass die Moderatösen dankbar sein müssen, wenn sie nebenher mal durch eine Möbelhauseröffnung führen und ein paar Cent dazu verdienen dürfen. Interessant zu beobachten, wie selektiv die Moderatöse ihre Umgebung wahrnimmt. Mit geübtem Blick wird die amorphe Masse des Publikums auf potenzielle Auftraggeber gescannt. Werden Ehrengäste vorgestellt, reagiert die Moderatöse wie ein Pawlowscher Hund auf Schlüsselwörter: Wer als "Generaldirektor" apostrophiert wird erntet ein Lächeln im Gegenwert von 40 Watt, ein "Parlamentarischer Staatssekretär" kommt auf etwa 60 Watt, es sei denn, er säße auch im "Fernsehrat", dann bringt er es lässig auf 100 Watt. Ein "Programmdirektor" hingegen landet vorwarnungslos bei 200 Watt und darf gleich ein Doppelzimmer im benachbarten Hotel buchen. Aber selbst das kann man noch toppen. Fällt der Name "Berlusconi", erreicht die Strahlung Atombombenniveau, deswegen muss der Alte aus Italien sich die Haare wohl inzwischen auftätowieren. Irgendwie lustig, dass dem ausgerechnet einer den Mailänder Dom an die Omme geworfen hat, der schiefe Turm von Pisa wäre doch symbolkräftiger gewesen. Immerhin, Treffer versenkt, Berlusconi sah schlimmer aus als Brähmer nach dem letzten Kampf.
Zum Abschluss noch einige Worte der Versöhnung an die Deutsche Bahn. Oft ist das Unternehmen an dieser Stelle getadelt worden, nicht immer mit ausreichender Schärfe. Deswegen ein Wort der Entschuldigung und das sehr ernst gemeinte Versprechen, künftig heftiger auszuteilen. Zum guten Anfang will ich gleich mal fragen, was in den unbeschrankten Hirnübergängen der Bahnverantwortlichen wohl vorgegangen sein mag, als der Beschluss gefasst wurde, ausgerechnet über die Jahreswendfeierlichkeiten die halbe ICE-Flotte stillzulegen. Ist ja keiner unterwegs, um die Jahreszeit, da können die Fahrgäste gerne noch etwas enger zusammenrücken. Warum sollte man auch mehr Platz haben als ein Huhn in der Legebatterie, wenn man für eine Rückfahrkarte über eine Entfernung von 500 Kilometern gerade einmal lächerliche 250 Euro hinblättern muss. Ich sage nur: Wer andren einen Grube gräbt, fährt selbst hinein!
Nicht dass es anderswo besser wäre. Der Eurostar zum Beispiel musste seine Dienste gleich ganz einstellen, als es im Dezember plötzlich Frost gab. Konnte ja auch keiner mit rechnen, so im Winter…
Was war noch in 2009?
Ach ja, ich hatte ja schon über die neue russische Idee berichtet, "Großwildjagd" auf somalische Piraten zu machen. Inzwischen gibt es auch eine Homepage dazu, falls sich jemand anmelden will. Zum Beispiel Bundeswehrsoldaten, denen es auf den Zeiger geht, wie unsere Öffentlichkeit herumzickt, wenn mal ein paar Aufständische mitsamt Familien erschossen werden. Siehe somalicruises.com. Dort findet - ebenfalls anders als bei der übersensiblen Bundeswehr - auch eine vorbildliche Nachwuchsförderung statt. Hier ist nachzulesen, dass selbst Zwölfjährige schon an die Waffen gelassen werden und dabei helfen dürfen, die Piraten auszumerzen.
Aber auch in Deutschland gibt es interessante neue Tourismusangebote. Die Firma Sandemans newmunich entblödet sich nicht, in München eine "Third Reich Tour" anzubieten, Untertitel "The Capital of the Movement", deutsch "Die Hauptstadt der Bewegung". Hofbräuhaus, Feldherrenhalle, The Führerbau und anderes gibt es zu sehen. Wer will kann auch gleich noch eine "Dachau Concentration Camp Memorial Tour" dazu buchen. Toll!
Wem das noch immer nicht reicht, der musste die Jahreswende eben in Wien verbringen. Weder die Nazitouren, noch die Piratenjagd vor Somalia ist annähernd so martialisch wie die Sportberichterstattung des ORF. Bei der Vierschanzentournee etwa - "siebzehn Österreicher unter den ersten Acht" wird euphorisch über jeden Hopser der Austriaker gejubelt und scheinheilig beklagt, "au weh, kein Deitscher unter die Fuchzehn, des wird dem deitschen Deam scho wehduuhn". Na ja, die werden ja auch von einem Österreicher trainiert…
Und dabei ist er durchaus auch sich selbst gegenüber gehässig, der gemeine Österreicher. Stadtrat Rudi Schicker etwa wünscht seinen Mitbürgern den Oberschenkelhalsbruch in der Fußgängerzone, wie dieses schockierende Bilddokument beweist:
 Angeschickert? Stolperfallen am Stefansdom!
Eigentlich wars ja nur ein Versuch, die Neujahrswünsche mit einem "dezenten" Hinweis darauf zu verbinden, wem die Verschönerung der Innenstadt zu verdanken ist. Aber irgendwie kams anders rüber.
By the way - nachdem die Ösis nach der Dopingsperre ihres einzigen vorzeigbaren Radprofis ja nur noch in Wintersportarten irgendeine Erfolgsaussicht haben, haben sie flugs eine neue kreiert - das Atzwentzkrantzing. Vierundvierzig Österreicher unter den ersten drei! Donnerwetter! Ist aber auch schwierig: Kekserl essen, Kerzerl anzünden, Weihnachtslieder anstimmen - irgendwie eine Art Indoortriathlon für Andersbegabte!

ni |
| Das Kulturtagebuch Nick Igel in Lourdes und sonstwo in Spanien
Erste Augustwoche - Nick Igel in Lourdes
Die Älteren werden sich erinnern, früher, als Stefan Raab noch ansatzweise lustig war, da setzte er sich immer wieder seltsamen Torturen aus. "Raab in Gefahr" nannte er das, wenn er in der Cessna mit einem Kunstflugartisten unterwegs war, mit Rüdiger Nehberg im Moor tauchte oder als Gaststar bei den lästigen Musikanten auftrat. Gefahr? Na ja? Richtige Abenteuer sehen anders aus. Einer der letzten Herausforderungen der Neuzeit habe ich mich in diesem Monat mit Todesverachtung gestellt - einem Besuch in Lourdes! Schließlich habe mit Joseph Hader das gemeinsame Hobby Marienerscheinungen vorzutäuschen - und ich dachte, das könnte man vor Ort in der Grotte von Lourdes am besten.
Nick Igel in Lourdes
Die Gefahr resultiert in diesem Zusammenhang vor allem aus der erstaunlichen Humorlosigkeit der Lourdes-Pilger. Die treffen sich vorzugsweise an den Brunnen, wo sie das Wasser aus der "heiligen" Quelle von Lourdes trinken oder auf Flaschen füllen können. Die meisten dieser Flaschen stammen übrigens aus den höchstens viertausend Souvenir- und Religionskitschläden des Städtchens am Fuße der Pyrenäen. Und sind wie die überall sinnlos herumstehenden Marienstatuen geformt. Aber das nur am Rande. Wie gesagt, ich wollte eigentlich nur ganz harmlos ein wenig mit den Pilgern Konversation machen. Und dachte mir, da fängst Du unverfänglich mit der Frage an, warum es in Lourdes eigentlich so viele Reliquienhändler und so wenige Schuhgeschäfte gibt. Denn wenn da jeden Tag ein paar hundert Gelähmte wieder mit dem Laufen anfangen, dann brauchen die doch als erstes was? Na klar, Schuhe! Und keine Rosenkränze oder bunt blinkende Bernadettefigürchen. Humorloses Pack, diese Pilger, das gab nicht einen einzigen Lacher. "Tumorloses Pack", hätte ich fast geschrieben, aber das passt hier nun wirklich nicht.
Nun gut, ich habe nicht aufgegeben, und mich erst einmal am Zapfhahn aufgebaut, mit Edelstahlmixer, Eiswürfeln, O-Saft und Campari. "Ich mixe Euch da mal was", bot ich den Pilgern fröhlich an, "auf einen Teil Heilwasser nimmt man drei Teile O-Saft und einen Teil Campari - letzteren eigentlich nur für die Farbe, wir wollen uns ja nicht betrinken, oder? Das nennt man dann übrigens den Bernadette Sunrise!" Ein wenig geschüttelt (nicht gerührt), ein wenig den Shaker durch die Luft geschleudert wie Tom Cruise, der alte Scientologe, in Tequila Sunrise und schon waren die Drinks fertig. Wollte aber irgendwie keiner haben. Auch als ich angeboten habe, das Heilwasser mit Tomatensaft und Wodka aufzumixen, absolutes Desinteresse! Unfassbar, dabei wäre das eine prima Bloody Mary für diese Marienflaschen gewesen. Ich gebe aber so schnell nicht auf und fragte deswegen weiter: "Hey Jungs, nehmt Ihr eigentlich lieber ein oder zwei Oliven in Eurer Heilwasser? Oder vielleicht ein paar Erdnüsse dazu?" Irgendwie hatte ich an der Stelle schon das Gefühl, eventuell an diesem Tag Dresche bekommen zu können. Also habe ich mal einen etwas rustikaleren Ansatz getestet: Einen großen Krug Heilwasser in die Hand und "Eiiiiiimersaufen, auf geht's jetzt, alle auf Ex!!!" gebrüllt. Den Humpen auch wirklich hinunter gezwungen und einen formidablen Rülpser gelassen. "Wohlsein!", meinte ich dann noch und: "jetzt gehen wir mal ein paar von diesen heißen Schwestern klar machen, die hier alle herumstreunen. Die wollen es doch nicht anders. Ich bin schließlich Ordensmann vom Orden wider den tierischen Ernst." An der Stelle traf mich eine Tomate am Hinterkopf, offenbar wollte mir jemand Zutaten für die Bloody Mary zureichen. Sowas spornt ja unheimlich an. Ich bat prompt eine deutsche Pilgergruppe mit mir den Stimmungsklassiker "Einer geht noch, einer geht noch rein" anzustimmen. Die waren in Begleitung eines Laienbruders, der in recht penetranter Weise versuchte, mich von der Quelle wegzudrängen. "Trink, trink, Brüderlein, trink", versuchte ich ihn singend zu besänftigen. Zwecklos. "Nach EU-Recht müssen wir den Bumms hier jetzt sowieso dict machen, Euer Highlichkeit," erklärte ich dem verdutzten Mann, da ist ja nicht einmal angegeben, ob die Plempe für die Zubereitung von Babynahrung geeignet ist." Kann man es sich vorstellen, der Kerl hat den Prior gerufen und schon hatte ich Haus- und Quellverbot. Offenbar hatte die Marienstatue schon erste Igelerscheinungen. Und die Amtskirche wenig Verständnis für das Europäische Lebensmittelrecht.
Betrug: Madonnenstatue täuscht Igelerscheinungen vor!
Na, ich bin dann noch ein wenig bei den Reliquienläden herumgestreunt und habe versucht, die Inhaber von einer neuen Geschäftsidee zu überzeugen. Nachdem es schon Kerzen in Marienform, Wasserflaschen in Marienform, Uhren in Marienform, Fächer in Marienform und Marienstatuen in Marienform gibt, wäre doch ein Vibrator in Marienform eine prima Ergänzung gewesen, oder? Zumal da in Lourdes viel alleinstehende Frauen in nicht gerade modischen Ordenstrachten herumlaufen. Da die alleinstehenden Herren größtenteils Frauenkleider tragen und zweitens - deswegen? - wie erwähnt wenig Lust haben, die "Schwestern klar zu machen" müsste der Bedarf doch enorm sein, oder? Kaum glaublich, statt eines vollen Auftragsbuches habe ich lediglich Prellungen dritten Grades mit zurück gebracht.
Rosenkranzpalast: Madonnenstatuen en gros und en detail
Zweite Augustwoche - Nick Igel auf dem Teutonengrill
Also weiter nach Spanien. Ich dachte, ich besuche mal ein paar Rentner in Alicante im Altenheim, dann kann ich den kompletten Urlaub als private Dienstreise oder dienstliche Privatreise (Details bitte im Bundesgesundheitsministerium erfragen) von meiner Redaktion bezahlen lassen. Oder wenigstens steuerlich absetzen. Was bei den Regelsätzen pro Entfernungskilometer schon ganz ordentliches Geld zusammenbringt. So dass man sich dann auch ein anständiges Abendessen leisten kann. Zum Beispiel bei Ferran Adria, dem berühmten Molekularkoch in dessen Nobelrestaurant "El Bulli"
Nick Igel bei El Bulli
Allerdings musste ich vor Ort dann doch feststellen, dass es die Spanier an der Mittelmeerküste inzwischen mit der Molekular- und Experimentalküche etwas zu weit treiben. Die haben da zum Glück überall deutsche Speisekarten, so dass ich mein Altkastilisch nicht überstrapazieren musste. Manches erschließt sich aber selbst auf Deutsch nicht. Was bitte ist "Spurtet von den Pasteten"? Oder "Spurtet von den Käsen?" Und ist bei den spurtenden Käsen auch der "abgetrocknete Ziegenkäse" dabei?
Jetzt aber schnell! Spurtet von den Pasteten!
Na gut, irgendwann bin ich dann drauf gekommen. Spurtet ist offenbar ein "Sortiment". Schwieriger war dann schon die nächste Nuss, die man mir zu knacken gab: "Spurted von den Einlegearbeiten!"
Einlegearbeiten?
Ein Sortiment von Einlegearbeiten? Intarsien? Das könnte hart werden. Es hat ja nicht jeder ein Gebiss wie der "Beißer" aus Moonraker. Und wie schmecken Einlegearbeiten überhaupt? Welche Sauce gibt es dazu? Welche Beilagen? Oder handelt es sich vielleicht um Eingelegtes? Schwierig, schwierig.
Und das waren bisher nur die Vorspeisen und Imbisse. Noch schlimmere Zumutungen hält die Liste der Hauptgerichte bereit. Da gibt es "Grünen Spargel zur Phasenkohle". Phasenkohle habe ich gleich einmal gegoogelt. Und festgestellt, dass das ein nahezu ausschließlich in Spanien verwendetes deutsches Wort zu sein scheint. Siehe auch hier.
Deswegen weiß man aber noch lange nicht, was "Phasenkohle" ist. Hier wäre ich der geneigten Leserschaft für Erleuchtung dankbar. Falls mir einer gleich auch noch den Unterschied zwischen Spargel und Espargel (Elektrospargel statt altmodischer kohlebetriebener Spargel?) erläutern könnte, würde mich das sehr freuen!
Phasenkohle? Phrasenkohle?
Fluchtartig verließ ich das gastliche Haus. Nur um nebenan vor weitere Rätsel gestellt zu werden:
Zurück vom Lamm
Der Arbeitsauftrag: "Schenkel der Ente brat mit Beilage" wäre ja noch umzusetzen gewesen. Auch wenn das im "brat" zum Ausdruck kommende vertrauliche Du unangebracht erscheint und man angesichts unterschiedlicher Garzeiten küchentechnisch hinterfragen könnte, ob die Beilage wirklich mit dem Entenschenkel gebraten werden muss. Aber "Zurück vom Lamm braten Sie mit Beilage"? Nun plötzlich wieder das förmliche Sie? Und was heißt "Zurück vom Lamm"? Wer oder was kommt da zurück?
Dritte Augustwoche - Nick Igel in Barzel-ona und Bilbao
Barcelona heißt ja eigentlich Barzel-ona. Jedenfalls bei allen deutschen Sportreportern - die damit nicht wirklich zum Ausdruck bringen wollen, dass die Stadt nach dem ehemaligen CDU-Vorsitzenden Rainer Candidus Barzel benannt worden wäre. Unsere Wontorras und Mohrens sind, so sie denn nicht gerade einsitzen, vor dem Mikro einfach nur nicht in der Lage, einfachste Ausspracheübungen im Altkastilianischen zu absolvieren. Ist im Englischen, wo die berühmte Senta Court ja bei nahezu jedem Tennisspiel mitmischt, oder im Französischen kaum anders. Die Cedille unter dem C von François zum Beispiel werden die meisten kaum kennen. Und François deswegen aussprechen wie es Altkanzler Kohl bei "meinem Freund, dem französischen Präsidenten, Franzwa Midderant" seinerzeit tat. Sportreporter halten die Cedille wahrscheinlich ohnehin nur für eine besonders raffinierte Sauerei im Puff von Barzel-ona, in den laut Volkslied ja immer alle fahren wollen. Gerade Sportreporter sind ja dafür bekannt, bei der soziokulturellen Hintergrundrecherche zu ihrer Berichterstattung gerne auch einmal im Rotlichtmilieu zu forschen, nicht wahr, Herr Töpperwien?
Sagrada Familia: Nick Igel als Gaudi-Bursch in Barzel-ona
Aber ehe es mit der Sprache zu schlimm wird, fahre ich lieber gleich weiter nach Bilbao. Das kann sogar Jupp Heynckes aussprechen. So gut, dass er dort sogar trainieren durfte. Seitdem wird man als Deutscher allerdings kaum noch in die Stadt gelassen. Ich wollte ja nur schnell das neue Guggenheim-Museum besuchen. Das klingt erst einmal so, als wären sächsische Sportreporter dagewesen. Heißt aber tatsächlich so. Die Architekten könnten allerdings aus Sachsen stammen, denn das Ding ist komplett schief. Außerdem gibt es jede Menge Ungeziefer. Direkt vor dem Museum läuft eine riesige Spinne herum.
Gugg an, Nick Igel in Bilbao
Aber nicht nur die Spinnen streunen in Spanien, auch die Spermien tun das. Im Hotelpool! Behauptete jedenfalls eine Polin. Ihre dreizehnjährige Tochter war schwanger aus dem Spanienurlaub zurückgekommen. Und da die Tochter, das stand für die aufgebrachte Mutter fest, natürlich niemals vorehelichen Verkehr hätte haben können oder gar wollen, muss die Schwangerschaft durch im Hotelpool herumstreunende Spermien verursacht worden sein. Die Klage gegen den Reiseveranstalter wurde allerdings abgewiesen. Ebenso wie die Klage eines britischen Rentners, der seine Reisegepäckversicherung in Anspruch nehmen wollte, nachdem ihm bei einer Kreuzfahrt vor den Balearen das Gebiss aus dem Mund und über die Reling gefallen war.
Vierte Augustwoche und Anfang September - Nick Igel im Wahlkampf
Zurück in Deutschland und auch hier geht es dauernd nur um den guten alten Geschlechtsverkehr. Otti Fischer etwa soll von vier Huren um 32.000 Euro betrogen worden sein. Zunächst einmal finde ich es sehr rücksichtsvoll, dass der gute Mann sich auf vier Damen verteilen wollte. Und auch den Tarif finde ich angemessen, die werden nach Gewicht berechnet haben. Also, wo soll da der Betrug sein?
Eine gehobene Art von Prostitution dann auch im "großen" Spitzenkandidatenduell. Selten haben sich Politiker einander derart angebiedert. Man muss fast den Verdacht haben, dass die beiden sich nach Abschalten der Kameras mit Zungenkuss voneinander verabschiedet haben. Oder gar mit einander ins Hotel verschwunden sind.
Und noch ein Ärgernis: Seit dem 1. September sind jetzt also tatsächlich die Glühbirnen verboten. Also jedenfalls die für echte Männer, 150 Watt und 100 Watt. Die muss ich jetzt in der Schweiz kaufen. Was das allein wieder an Sprit kostet. Wirklich super, die ökologische Lenkungswirkung! Das alles nur, weil die Glühbirnen mehr Wärme als Licht erzeugen. Ich frage mich, wann endlich einer unserer dussligen Händler auf die Idee kommt, Glühbirnen wieder ins Sortiment aufzunehmen. Und diese als "Heizungen" zu verramschen. Mir kommen jedenfalls keine Energiesparbirnen ins Haus. Voller Quecksilber, das nicht richtig entsorgt wird. Zumeist in China hergestellt und energieaufwendig nach Deutschland geflogen. Dabei noch nicht einmal langlebiger als die guten alten Glühbirnen. Und vor allem funzelig ohne Ende. Das ist ja als würde man Dr. Helmut Kohl (Birne) durch den naturtrüben Steinmeier ersetzen. Dabei war schon der dicke Helmut keine Leuchte.
Sommerinterview bei Dalis in Figueras: Nick Igel im Gespräch mit der Bundeskanzlerin
ni |
| Das Kulturtagebuch Von Holland über die Oberpfalz nach Celle und Alicante
1. Juliwoche: Nick Igel im Amsterdam
Nachdem inzwischen die eine Hälfte der Holländer auf der Bank von Bayern München sitzt und die andere Hälfte im Stau auf deutschen Autobahnen steht, kann man diesem Gesindel offenbar nur noch entgehen, indem man selbst ins menschenleere Holland reist. Zumal man dort angeblich ganz gut einkaufen kann. Ich habe jedenfalls immer wieder von Freunden gehört, die mit vielen großen Tüten aus den Niederlanden zurückgekommen sein wollen. Vor allem Kaffee wird an allen Ecken und Enden verkauft, in den sogenannten Coffee Shops.
 Nick Igel auf Einkaufstour
Als problematisch erweist sich hingegen die Frage der Unterkunft. Hier wird deutlich, warum der gemeine Holländer im Wohnwagen zu nächtigen beliebt. Denn die Hotelpreise "fliegen über den Markt", um mal eine liebgewonnene asteriginische Formulierung wiederzubeleben. Als Mann von Welt steige ich mit Grandezza im Hotel Pulitzer ab. Das nimmt nur 55 Euro die Nacht. Allerdings nicht für das Zimmer, sondern allein schon für den Autostellplatz. Da bekommt der Begriff Pulitzer-Preis eine völlig neue Bedeutung!
Das Hotel Pulitzer kann man überhaupt nur wärmstens empfehlen. Als Haus der "Luxury Collection" verfügt es über modernsten Komfort. Zum Beispiel werden die Fahrzeuge der Gäste nicht einfach in irgendeine Garage gefahren, nein, sie werden per Luxusaufzug in eine fünfzehn Meter unter dem Grachtenspiegel liegende Anlage verbracht. Was insbesondere dann interessant wird, wenn der Aufzug beim check-out streikt und man den Wagen nicht wiederbekommt. Eine Stunde zu warten, kann ja ganz nett sein, die zweite Stunde ist es schon weniger, die dritte und die vierte Stunde ohne meinen Dienstwagen, den ich für diese rein private Fahrt natürlich selbst ge- und versteuert habe, waren dann aber doch eher öde
Na ja, man kann sich die Zeit ja inzwischen am Achterbugswal vertreiben. Auch dort fahren viele Touristen zum Einkaufen hin. Im Angebot sind offenbar vor allem Dienstleistungen, offeriert von zahlreichen Damen, die - sicherlich der sommerlichen Hitze geschuldet - sehr leicht bekleidet in den Fenstern auf beiden Seiten der Gracht zum Geschäftsabschluss einladen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob man hier von window-shopping, window-dressing oder window-undressing sprechen sollte. Humorlos sind sie jedenfalls, die Niederländer. Als ich auf das Angebot "Massage, for 50 Euro?" mit einem fröhlichen "Klar, mache ich, ich kann das Geld gut gebrauchen!" antwortete, hätte ich fast eine Gracht Prügel bekommen.
 In schlechtem Zustand: Das holländische Straßennetz. Zahlreiche Strecken sind fast ganzjährig überflutet
Vielleicht ist Global Warming und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels doch keine so schlechte Sache? Irgendwann wären wir die Oranjer und ihre Treibhaustomaten quitt. Obwohl die ja alles tun, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. So wurde beispielsweise eine neue Trendsportart kreiert: Smarts versenken. Immer öfter werden in letzter Zeit des Nachts Smarts und andere Kleinwagen einfach in die Grachten geworfen. Das schafft man mit vier kräftigen Herren auch dann noch, wenn diese bereits ein Fässchen Genever intus und ein paar Tüten hinter sich haben. Im Idealfall fühlen sich die Kiffer dann nicht nur wie Jesus, sondern können auch tatsächlich noch über das Wasser laufen. Erinnert mich irgendwie an die 124er Baureihe von Benz in Albanien. Da waren die 124er besonders beliebt, wohl auch, weil es das letzte Modell ohne Wegfahrsperre war. Hatte ich mal drüber berichtet. Die Albaner werfen die Karkassen ihrer ausgedienten Benze nach dem Ausschlachten einfach in die ausgetrockneten Flussbetten ihrer porösen Karstgebirge - damit man den Fluss auch dann noch gefahrlos queren kann, wenn er doch mal wieder Wasser führen sollte.
 Nick Igel und die Kartoffelesser. Was blieb ihnen übrig, die holländischen Tomaten sind ungenießbar
2. Juliwoche: Nick Igel in der Oberpfalz
Wo wir gerade von Drittweltländern sprechen, auch die Oberpfalz habe ich lange dazu gerechnet. Zugegeben, der Dialekt der Eingeborenen ist leichter zu verstehen als der niederländische Würfelhusten. Es reicht eigentlich fast schon, wenn man weiß, dass ein "E" als "Ö" ausgesprochen wird, wenn auf das "E" ein "L" folgt (Bahnhofsdurchsage: "Der Schnöllzug nach Sölb hat heute wegen Neböls Verspätung"). Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass ein Oberpfälzer onomatopoetisch niemals zwischen einem "Kellner" und einem "Kölner" wird unterscheiden können. Auch deswegen gibt es wahrscheinlich in Köln so viele Kneipen - und vor allem heißt allein deswegen der Kölner Kellner nicht Kellner sondern Köbes. Es könnten ja mal Touristen aus der Oberpfalz kommen.
Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich ja erzählen, dass ich auf dem Weg von Amsterdam zum Parteitag der Freien Union der Frau Pauli in Celle kurz Station in Weiden in der Oberpfalz gemacht habe. Ich gebe zu, es ist ein kleiner Umweg, aber bei dieser Routenwahl stehe ich mich steuerlich mit meinem Dienstwagen einfach besser. Und in Weiden musste ich feststellen, dass die Oberpfälzer seit meinem letzten Besuch vor fast zwanzig Jahren deutlich humorvoller geworden sind. Hier ein Beispiel:
 Wie die offene Hose: Der Oberpfälzer hat keinen Benimm
3. Juliwoche: Nick Igel in Alicante
Noch immer auf dem Weg nach Celle, machte ich kurz einen Abstecher nach Alicante. Ich habe mir sagen lassen, es diene der Kostendämpfung im Gesundheitswesen, wenn man seinem Dienstwagen dort ein paar Tage privatdienstlichen Urlaub gönnt. So hat es ja auch die Frau Schmidt gemacht. Was die Öffentlichkeit bisher nicht erfahren hat: Der Frau Schmidt ist ja nicht nur der Dienstwagen geklaut worden, nein, da waren ja auch noch wichtige Unterlagen für die dienstlichen Termine in Spanien mit drin. Unter anderem eine Luftmatratze und eine Strandmatte.
Ich verstehe den Steinmeier nicht. Die Schmidt deswegen nicht ins Inkompetenzteam zu nehmen. Also so was. Dann hätte er die Wieczorek-Zeul auch gleich draußen lassen können. Die fährt ja nicht nur mit dem Dienstwagen in den Urlaub, nein, da muss immer noch extra ein Anhängerchen angekuppelt werden, um auch den Doppelnamen mit in die Sonne nehmen zu können.
Und dann war die Ulla plötzlich doch im Inkompetenzteam. Yippieh! Ihr ist nämlich eingefallen, dass der Urlaub doch privat war. Da hatte sie ihr Ministerium erst ein paar Wochen lang begründen lassen, warum der Besuch in einem Altenheim nicht etwa der Vorbereitung eines privaten Umzugs von Frau Schmidt nach dem 27. September diente, sondern das Gespräch mit den deutschen Rentnern dienstlichen Charakter hatte - weswegen der ganze Trip natürlich dienstlich gewesen sei. Und dann plötzlich war die Spanienreise doch privat, denn bei Privatfahrten, so der Bundesrechnungshof, muss man ja auch dann nicht kostensparend reisen, wenn man den Dienstwagen dafür nutzt.
Ich verstehe nur den Herrn Fricke nicht - also den Vorsitzenden des Haushaltsausschusses. Der hat ganz gemein gefragt, ob das Ullala denn die privaten Dienstreisen nach Spanien in den vergangenen Jahren auch als Privatfahrten abgerechnet hat, oder ob es damals vielleicht dienstlichere Privatfahrten gewesen seien, die deswegen auch als Dienstreisen abgerechnet worden sind. Upps, wenn das so weiter geht, fliegt Ullala vielleicht doch wieder aus dem Inkompetenzteam? Das kann man so machen wie die Figuren an den guten alten Wetterhäuschen, immer mal wieder raus, dann immer mal wieder rein, je nach Sonnenstand.
Zum Glück hat an der Stelle Frank-Walter eingegriffen, das Shetlandpony der SPD. Und gemeint, es reiche jetzt mit den Dienstwagen, die Bürger wollten im Wahlkampf mehr über Inhalte sprechen. Frankie, da bin ich mir nicht so sicher. Selbst ein schlecht gemachter Skandal hat regelmäßig die besseren Quoten als Deine Sommerinterviews. Vielleicht müsstest Du in der Rhetorik einfach noch etwas zulegen. Mich erinnert da vieles stark an Hans Hubert Vogts. Der hat es auch immer geschraubt versucht und sich dann vergaloppiert. Aber als Pony darf man sich ja auch mal vergaloppieren.
4. Juliwoche: Nick Igel in Celle
Endlich in Celle angekommen! Ist schon klar, warum die Pauli ihren Parteitag hier abhält. Celle erinnert sprachlich schon ein wenig an Zelle. Jetzt noch Gummi dazu und wir befinden uns auf dem Niveau der Freien Union. Mal ehrlich, Gabi Pauli, Kader Loth als Frauenbeauftragte Eurer Partei? Geht mehr Realsatire eigentlich noch? Wollt Ihr der Titanic und Hotte Schlämmer Konkurrenz machen? Ich schlage mal vor, Ihr nehmt gleich noch Walter Freiwald als Pressesprecher, Atze Schröder als Schattenverkehrsminister und Patrick Bateman als Schattengesundheitsminister mit in Euer Inkompetenzteam auf. Einen Schatten haben die meisten bei Euch ja sowieso. Dementsprechend erinnerte der Parteitag auch reichlich an die legendäre Pressekonferenz von Tic Tac Toe im November 1997 ("warum machst Du immer alles kaputt?"). Auch die anschließenden Interviews der Frau Pauli waren herrlich. Immer so nach dem Motto, nicht ich bin die eine Geisterfahrerin, alle anderen sind auf der falschen Spur.
Ist klar, Gabi! Demnächst wirst Du wahrscheinlich heilig gesprochen. Sankt Pauli! Hätte doch was, ich red mal mit Ratzi Ratzinger! Übrigens, Gabi, wenn es noch eine Parteihymne braucht, empfehle ich Adel Tawil und Cassandra Steen als Texter. Die haben nämlich ein Diplom von der Herbert-Grönemeyer-Akademie für sinnfreies Texten. Siehe "Ich baue eine Stadt für Dich". Da heißt es so schön:
"Es ist so viel, soviel zu viel,
Überall Reklame,
Zuviel Brot und zuviel Spiel,
Das Glück hat keinen Namen."
Na bitte, besser kann man es selbst kaum formulieren! Es sei denn, man arbeitete beim Sozialgericht Dortmund. Das hat nämlich festgestellt: "Wer während der Arbeit einschläft, von seinem Stuhl fällt und sich dabei verletzt, hat nur dann einen "Arbeitsunfall" erlitten (mit Leistungsansprüchen gegen die Berufsgenossenschaft), wenn er infolge betrieblicher Überarbeitung vom Schlaf übermannt worden ist oder sich der Schlaf am Arbeitsplatz auf andere betriebliche Gründe zurückführen lässt." Klar doch, das ist dann etwa so viel Arbeitsunfall wie ein Ausflug vom Ullala Dienstreise ist.
ni |
|
|