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Nick Igels Kulturtagebuch
Die neuen EU-Staaten im Tauglichkeitstest - Teil 1

Vorbemerkung: Da auch HuF sich der Verantwortung stellt, die die EU-Osterweiterung mit sich bringt, und als modernes Lifestyle-Magazin natürlich auch "Chancen und Risiken des Europas der 25" (Romano Prodi in: "Kommense rein, machense mit!", Calzone-Verlag Palermo, September 2005) bewerten muss, wird Sonderkorrespondent Nick Igel in loser Folge die neuen Mitgliedsstaaten besuchen und auf EU-Tauglichkeit testen.

Erste Juniwoche - Nick Igel in Slowenien:
Den Anfang unserer fröhlichen Runde des Neumitglieder-Checks macht Slowenien. Genauer gesagt Portoroz an der slowenischen Adriaküste, wo im Juni einer der sportlichen Höhepunkte des Jahres stattfand: Die Dachdeckerolympiade 2004. Erster Eindruck vom Flughafen Ljubljana: ausgezeichnet, zumal man auch bei Einreise aus EU-Staaten im Duty-Free-Shop noch immer die Preise für Reisende aus Nicht-EU-Staaten bekommt, also ohne Mehrwertsteuer. Das gibt eine hohe Wertung in der Kategorie "Gastfreundschaft und Service" und überdurchschnittliche Punktzahlen auch in der Kategorie "Organisierte Kriminalität". Nach umfangreichem Einkauf und reibungslosem Transfer mit dem Limousinenservie an die Adria, wurde ich gegen 23:00 Uhr standesgemäß im Grand-Hotel der Bernhardin-Gruppe untergebracht. Bedenklich allerdings die Frisur des Nachtportiers. Wir kennen ja alle diese Herren, die sich die Haare seitlich über die Glatze kämmen. Das sind die, die sich auch das neue Shampoo mit "Haarauffüller" von Elvital kaufen und fröhlich ignorieren, dass man nur etwas auffüllen kann, was noch vorhanden ist. Der Kollege aus Portoroz, wir wollen ihn Atze nennen, hatte jedoch eine neue, sehr viel eindrucksvollere Technik entwickelt. Da bei ihm nur noch eine strichförmige, etwa bleistiftdicke Haarinsel in der unteren Mitte des Hinterkopfes vorhanden war, kämmte unser Atze sich die dort sprießenden Haare fröhlich über die ganze Murmel. Also erst aufwärts, dann nach vorne und - damit nicht genug - hernach auch noch wieder nach unten, so dass sie ihm bis auf die Oberlider der Augen hingen, die durch eine dezimeterdicke Brille mit Hornfassung aus den auslaufenden sechziger Jahren geschützt waren. Fast schon moderne Kunst und ohne Haarspray nur für den hinzubekommen, der - wie Atze - über ausreichende Mengen Eigenfett verfügt, bzw. dieses in den Haaren lange genug anspart. Ich nenne das Gesamtkunstwerk "270-Grad-Strähnen an Kassengestell" und vergebe für Slowenien die Höchstpunktzahl in der Kategorie "Fashion and Trend". Natürlich bringt so eine Frisur auch Probleme mit sich, schnelle Bewegungen oder unterstützende Handgriffe beim Gepäcktransport sind ob ovo ausgeschlossen. Das entspricht aber ohnehin nicht der slowenischen Dienstleistungsmentalität, da macht sich die langjährige Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn bemerkbar, "hudeln" möchte der Slowene keinesfalls. Wer jetzt aber denkt, ich wolle unseren Atze abqualifizieren, irrt sich gewaltig. Der Mann hat im Gegenteil noch am selben Abend unter Beweis gestellt, welche Klasse er hat. Da zu dieser Zeit in Portoroz nicht nur die Dachdeckerolympiade stattfand (Was passiert mit so einem Dach eigentlich nach dem Decken? Wird es schwanger?), sondern auch noch eine EU-Konferenz, war das Hotel rettungslos überbucht. Atze hatte aber eine Lösung, die überzähligen Gäste wurden einfach aus dem Nobelschuppen ins benachbarte Hotel der unteren Holzklasse einquartiert. Die Einteilung der Gäste in überzählige und nicht überzählige hat Atze dabei nach einem absolut einleuchtenden Prinzip vorgenommen. "Ich habe erstmal alle Frauen in das schlechtere Hotel umgebucht", erläuterte des sympathische Altpartisan, "das sind im Zweifel sowieso nur Sekretärinnen oder Subalterne, für die reicht das allemal." Die kroatische Staatssekretärin für EU-Fragen und die österreichische Außenministerin wird es gefreut haben. Tusch, roter Teppich und Ernennung zum Ehrenchauvi des Monats! Oder um es mit Marcel Pagnol zu formulieren: "Alle haben gesagt, dass man so etwas nicht machen kann, und dann kam irgendein Idiot daher, der nicht wusste, dass es nicht möglich ist, und hat es einfach gemacht" (Einleitung zu "Le Schpountz"). Für Slowenien Höchstpunktzahl in der Kategorie "Gender" und in der Rubrik "Political Correctness". Goldenes HuF-Gütesiegel für Slowenien, EU-Aufnahmeprüfung bestanden, mit Brief und Siegel in Gold. Verheugen, da haste als Erweiterungskommissar ja ausnahmsweise mal etwas richtig gemacht!

Zweite Juniwoche:
Endlich Neuigkeiten von Lisa Fitz. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass die Einleitung "endlich Neuigkeiten" in diese Kolumne inzwischen immer dann verwendet wird, wenn sich mal wieder jemand gemeldet hat, dessen Existenz man gerade erfolgreich zu verdrängen im Begriff war, wie z.B. die USA, Daniel Kübeldreck, Laurent Desire Kabila, Heino, Bokassa, Hitler oder eben Lisa Fitz. Natürlich bin ich mir über den Widerspruch im Klaren, dass ich einerseits beklage, von den Leuten wieder zu hören, und andererseits durch Weiterverbreitung des Elends auch dem Leser noch zumute, sich wieder mit diesen Figuren auseinander zu setzen. Aber so hat eben jede Biografie ihre Brüche, auch die meine.
Lisa Fitz jedenfalls hat Anke Engelke vorgeworfen, den Namen der Band in der Engelke Late-Show ("Electric Ladyland") von der gleichnamigen Combo abgekupfert zu haben, mit der die Fitz seit Jahrzehnten auftritt. Nun ist das erstens nicht sehr fein, Menschen die, wie Anke Engelke, am Boden liegen, auch noch mit Füßen zu treten. Zweitens müsste die Kollegin Fitz, die ihre Auftritte ja lange Jahre wegen des großen Zuschauerandrangs in Telefonzellen und Doppelgaragen abhalten musste, sich einmal klarmachen, dass "Abkupfern" voraussetzt, dass man etwas kennt. Und weder Frau Fitz noch ihre Zupfgeigenhansel dürften jemals den Sprung über den Weißbieräquator, also die Isar, gen Norden geschafft haben. Zudem würde ich von der Frau Fitz gerne einmal wissen, ob es ein Zufall ist, dass ihre Zupfgeigenhansel genauso heißen wie das Album "Electric Ladyland" von Jimmy Hendrix, erschienen 1968. Wo wir gerade von Abkupfern reden. Vielleicht ist das ganze Gegacker ja auch nur ein letzter verzweifelter Versuch der Fitz, sich und ihren antediluvianischen Humor mal wieder ins Gespräch zu bringen und sich für eine neue Sendung anzubringen, nachdem die ARD ihren Appell "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" gar zu wörtlich genommen und die Dame einfach aus dem Programm gefeuert hatte.
Das ist nur noch von der ebenfalls in die Kategorie "endlich Neues von..." fallenden Dolly Bustier zu toppen, die ihre Kandidatur für das Europaparlament mit den Worten unterstrich: "Wenn ich gewählt werde, fahre ich nach Brüssel". Das ist sehr rücksichtsvoll, zumal die meisten Sitzungen des Parlaments an seinem Hauptsitz in Strasbourg stattfinden und die ernstzunehmenden Parlamentarier so nicht von ihrer Arbeit abgehalten werden.

Dritte Juniwoche - Nick Igel in Polen:
Und weiter geht es im Neumitglieder-Check, obwohl ich eigentlich keine Zeit hatte, musste ich mich einfach für ein paar Tage nach Polen davonstehlen. Die Europawahl beobachten und mich dem polnischen Kulturgut nähern, dass die stolzen Polen ja mit Zähnen und vor allem Klauen verteidigen. Selbst einfache Leute können das kaum verhehlen. Viele bezeichnen Polen ja als die Ost-erinsel der EU. Keine Kunst, bei so viel Ste(h)len. Die Aufnahme von Polen in den europäischen Markt hat dem Land ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet, allein dass jetzt der zollfreie Reimport von PKW möglich geworden ist wird nach Schätzungen des IWF eine Verbesserung der Außenhandelsbilanz um etliche Prozentpunkte bringen. Denn wo die Slowenen nur ihren Atze frisieren, da nehmen sich die Polen gerne ganze Nummerschilder und Fahrgestellnummern vor. Eine spezielle Form von Aufklau/Ost. Klar, das gibt die Höchstpunktzahl in der Kategorie "Handel und Wandel". Aber das nur am Rande. Gleich bei der Ankunft am Flughafen habe ich mit diebischer Freude feststellen können, dass auch dort in den Duty-Free-Shops die gleiche Präferenzbehandlung gewährt wird wie in Slowenien. So kann man die zwei, drei Stunden, die es dauert, bis die mit einem halben Dutzend Sicherheitsschlössern versehenen Koffer auf dem Laufband angefahren kommen, noch zu einem kleinen Einkaufsbummel nutzen. Oder man isst eine Kleinigkeit. Eine der polnischen Spezialitäten. Wie zum Beispiel Pizza. Die hier, anders als in Italien, ohne Tomatensauce hergestellt wird. Dafür gibt es nach dem Aufwärmen in der Mikrowelle noch einen guten Schuss kalte Currysauce oben auf die Esspappe, das wäre was für den Herrn Popolek in Alfredissimo! Hmmmm, groooooßaaaatich!!! In der Kategorie "Biolecken" gibt das die Höchstpunktzahl. Richtig punkten kann Polen auch im Bereich Kultur. Nicht nur, dass in der Oper ein digitales Laufband den gerade gesungenen Text ausstrahlt, für Gehör- oder Gedankenlose offenbar, die mit verstohlenem Blick dort verfolgen können, was sie life nicht begreifen. Nein, das polnische Kulturleben glänzt durch seine schillernde Vielzahl von kleineren Events und Aktionen, die - häufig in Privatinitiative - in oft unscheinbarem Rahmen zu bewundern sind. Darauf war ich bereits vorbereitet, denn ich hatte bei Camus gelesen: "Der sogenannte sozialistische Realismus ist also gerade durch die Logik seines Nihilismus dazu ausersehen, die Vorzüge des Erbauungsromans und der Propagandaliteratur zu vereinen. Besonders hervorzuheben ist, dass die Ankündigungen einzelner literarischer Events über Handzettel erfolgen, die zu zehntausenden hinter die Scheibenwischer der in Warschau abgestellten Autos geklemmt werden.

Im Studio Selena zum Beispiel, wohl einer Art Literatencafe, werden offenbar im kleinen Kreis interessante Darbietungen gebracht, wobei das Publikum - ganz im Stile des Aktionstheaters - einbezogen wird. Zur Zeit läuft wohl das Stück "nimfomanka". Im Aisha-Club dagegen werden interessante Ausstellungen gezeigt, Aktionskunst sozusagen. Das Ganze läuft allerdings ekskluzywny, d.h., wie der Name "Club" schon sagt, nur auf Mitgliedschaftsbasis. Vielleicht deswegen habe ich leider nicht miterleben dürfen, was genau die Ausstellung "striptize" dem Betrachter an Erkenntnissen bringt. Höchstpunktzahl auch im Bereich "Kunst und Kultur"!

Ebenfalls sehr interessant: Die polnische Haute Couture. So veranstaltet der "Club 3" an Plac Konstytucji regelmäßig Modenschauen. Der Schwerpunkt des innovativen Sortiments liegt offenbar auf Brautmoden und Damen-Unterbekleidung. Hier wegen des vergleichsweise kargen Angebots für Herren eine eher mittlere Punktzahl.

Insgesamt steht fest, auch wenn auf den Toiletten des Casinos im Grand Hotel Orbis ganz offensichtlich mit Drogen gehandelt wird und insofern auch in der Rubrik "Organisiertes Verbrechen" zufriedenstellende Punktzahlen erreicht werden können: Polen kommt nicht ganz an die Wertung für Slowenien heran. Dennoch: Beitrittstest bestanden!

Ach ja, eine kurze Meldung noch, die das Bild dann doch deutlich trübt: Sechs polnische Priester aus Rzeszop, unmittelbar an der deutschen Grenze, sollen unlängst 40 Autos aus Deutschlandgestohlen und illegal in Polen verkauft haben. So viel kriminelle Energie in einem kulturell so hochstehenden Land, das hätte ich mir nie vorstellen können!

Vierte Juniwoche - Nick Igel bei der Fußball-EM:
Natürlich muss ein Magazin wie dieses auch von der Fußball-EM berichten, die nach dem rechtzeitigen Abgang von Rudis Reste-Rampe ja tatsächlich noch brauchbaren Sport geboten hat und bietet. Völler Verzweiflung habe ich mitangesehen, wie Kuranyi eine Chance nach der anderen verballackte anstatt ein paar Torre de Belem zu schießen. Und - wie das bei Scheiße häufig ist - sie wird ausgeschieden. Warum die BLÖD-Zeitung tatsächlich titeln musste, die Deutschen wären vor Freude auf das Spiel unserer Wunderstürmer alle schon ganz "portugeil" kann sich nur jenen erschließen, die die Galavorstellungen gegen Rumänien und Ungarn verschlafen hatten.


Torre de Belem - Nick Igel ist portugeil

Aber andere haben es ja auch nicht besser. Die Briten zum Beispiel, die trotz einer hervorragenden Mannschaftsleistung und des überragenden Auftretens von David Beckham durch unlautere Machenschaften der UEFA sowie Erdstrahlen und indiskutable Schiedsrichterleistungen völlig ungerechtfertigt ausgeschieden sind.


David Beckham verwandelt den entscheidenden Strafstoß

Oder die Franzosen, die als klar beste Mannschaft des Turniers, nach mitreißenden Spielen voller Offensivgeist und trotz einer Vielzahl von packenden, herausgespielten Torszenen die Koffer so früh packen mussten, dass in Rekordzeit ein neuer Trainer verpflichtet werden musste.


Nick Igel (rechts hinten) trainiert die Equipe Tricolore

Und wer wird am Ende Weltmeister? Otto Rehrücken? Oder gar die Wohnwagenterroristen aus Käseland? Die Gefahr besteht! Deswegen auch keine Diskussion über die Frage nach der überflüssigen Frau des Monats: "Frau Antje aus Holland" ist von der Jury einstimmig gewählt.

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