Nick Igels Kulturtagebuch >>Aktuell >>Archiv
   
 
Kunze, Humpe, Maahn, Meinecke, Deter, Zander & Co.
Deutsche Musik für deutsches Radio?

Erste Septemberwoche:
Jawoll, jetzt hat er es den Scheichs aber gegeben, der Herr Eichel! "Schamlose Preistreiberei" sei das, wenn die den Ölpreis so nach oben treiben. Aha! Na gut! Ich will nur mal für das Protokoll festhalten, dass die Scheichs trotz dieser Schamlosigkeit nur ein Drittel des Literpreises an der Zapfsäule in die nicht vorhandenen Taschen ihrer Burnusse einsacken können. Zwei Drittel, das macht dann so etwa 80 Cent pro Liter Normalbenzin, die sackt der Kollege Eichel selbst ein. Was aber keine doppelt schamlose Preistreiberei ist, wie wir Naivlinge vielleicht glauben mögen, sondern "ökologische Lenkungswirkung". Eichel macht das Benzin ja nicht teuer, weil er die Steuergelder kassieren will, sondern damit wir weniger mit dem Auto fahren. Nur eines, das verstehe ich nicht, mein lieber Eichelhennes - warum freust Du Dich nicht, wenn der Scheich Dir die lästige Steuererhöherei abnimmt und höchstselbst für die ökologische Lenkungswirkung sorgt? Immerhin liefert der als Gegenleistung ja auch das Öl, ein prima Tankstellennetz etc. Während Du ja von den zwei Dritteln Steueranteil am Benzinpreis allenfalls mal ein paar Amtsschimmel neu aufzäumen lässt und dem Kanzler einen neuen Phaeton kaufst. Der dann allerdings bei schlappen 18 Litern Durchschnittsverbrauch wieder Siebeneurozwanzich auf hundert Kilometern an den Scheich abdrücken muss.



Zweite Septemberwoche:
Gute Nachrichten, eine Zahl, die Hoffnung macht: 21 Prozent der Deutschen wollen inzwischen die Mauer wieder haben. Sollte sich der Trend sinkender Wahlbeteiligungen weiter fortsetzen, könnten diese 21 Prozent bereits bei einer Wahlbeteiligung von 43,9 Prozent die absolute Mehrheit stellen. Das Projekt Wiederteilung hat bessere Chancen als je zuvor. Sollen die Zonis doch ihre PDS und ihre Nazis behalten, gegen die können sie dann ja montagsdemonstrieren. Von mir aus im Ostteil des Har(t)z.
Inzwischen flattert eine Nachricht aus Saudi-Arabien auf den Tisch. Dort hatte eine Frau mit ihrem Wagen den Kleinlaster eines Mannes gerammt und den Mann dabei getötet. Nun steht sie vor Gericht. Nicht wegen Mordes, der Typ war wahrscheinlich sowieso nur so ein schamloser Preistreiberscheich. Wohl aber wegen unerlaubten Autofahrens. Frauen dürfen in Saudi-Arabien nämlich nicht Auto fahren. Wusste ich noch nicht, finde ich aber sehr gut.
Wenn man das aufsummiert, kommt fast automatisch der richtige Gedanke: Wiederteilung und anschließende Vereinigung mit den Arabern. Das Benzin wird billiger, bzw. wir füllen uns selbst schamlos die Taschen, endlich eine Kolonie mit Bodenschätzen. Und es gibt keine Staus mehr, da die langsamere Hälfte der Verkehrsteilnehmer dem nichtruhenden Straßenverkehr entzogen wird (vgl. Nick Igel bereits vor Jahren a.a.O. zur "Steuer"-reform).



Dritte Septemberwoche:
Endlich Neues von Claudia Roth. Die sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hat, um einmal eine Begriff aus dem einst eher deutschnationalen Repertoire zu verwenden. Aber das hat sie verdient, denn die Bewegung, an deren Spitze sie sich gesetzt hat, die ist auch deutschnational. Unsere Claudia unterstützt nämlich die Initiative deutscher Musiker, die eine Quote deutscher Musik für deutsches Radio einfordern. Heute Deutschland, morgen die ganze Klangwelt? Ist jedenfalls schon lustig, dass alle die, die auf keiner Demonstration gegen Nationalismus und rechte Idioten fehlen dürfen - auch weil sie karrieremäßig in aller Regel schon so entlastet sind, dass sie Zeit dafür haben - dass alle die, die das große Wort gegen Deutschtümelei führen und sich so gerne als multikulturelle Weltbürger geben, sich plötzlich in einer solchen Initiative zusammenfinden. Mitsamt der linken Truppe von rot-grün, die wahrscheinlich als nächstes nur noch biologisch abbaubare Akkorde zulassen wird! Man würde ja fast meinen, die Leutchen wären nur auf GEMA-Einnahmen aus. Aber wenn man sich mal anschaut, wer der für das deutsche Liedgut kämpft, dann kommt doch schnell der Gedanke, dass deren Lieder selbst bei hundertprozentiger Deutschquote nur alle paar Äonen mal gespielt würden. Oder erinnert sich noch einer an Heinz-Rudolf Kunze? An die Frau Humpe? Wolf Maahn, Ulla Meinecke? Ina Deter, Frank Zander, Udo Lindenberg, Purple Schulz und Peter Maffay?

Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen. Die Bonner Oberbürgermeisterin Barbara Dieckmann verschweigt auf ihren Plakaten schamhaft, dass sie für die SPD antritt. Oder hat sie das einfach nur vergessen? Netterweise hilft eine Oppositionspartei aus und plakatiert: "Wer Dieckmann wählt, wählt SPD." Gewählt wurde die Dame trotzdem. Zur Motivation befragt, warum sie das Kreuzchen gerade bei Dieckmann gemacht hatten, gaben die meisten Wähler gute Gründe an, wie "ääääh" oder "weil, isch finde, die hat nen geilen Aaasch." Klarer Fall: Überflüssige Frau des Monats, gratuliere!



Vierte Septemberwoche:
Ein Flug von Wien nach Köln. Eigentlich nichts besonderes. Trotzdem habe ich zum ersten Mal Flugangst gehabt. Eine Flugangst der besonderen Art allerdings. Ich stehe in Wien nichtsahnend am Gate, da schlurft im Zeitlupentempo Ottfried Fischer heran. Wo ich doch die Reisestelle der HuF-Redaktion ausdrücklich angewiesen hatte, mich niiiiiiiiiiiiiiiiiiie auf Flüge zu buchen, auf denen auch Otti gebucht ist. So ein Flugzeug hat schließlich auch ein höchstzulässiges Gesamtgewicht, erst recht diese kleinen Tyrolean-Schachteln, die von Wien nach Köln/Bonn fliegen.

Und dann der panikartige Gedanke: "Was, wenn der den Sitz neben mir hat? Wenn der einatmet, bin ich platt!" Schnell noch testieren? Hoffen, dass der alte Hellmuth Karasack, der auch am Gate herumlümmelte, neben mir sitzen würde? Die waren offensichtlich beide auf dem Weg zu "Deutschlands beste Bücher", so ein ZDF-Unsinn aus einem Studio in Köln.

Tja - ich hatte mich gerade auf Sitz 4D niedergelassen, die Sitze 4F unmittelbar neben mir sowie 4A und 4C, auf der anderen Seite des Gangs waren noch frei - da wälzte sich Otti in Zeitlupentempo in die Maschine. Fast wäre man versucht zu sagen, er "zog sie sich an wie einen Rucksack". Ich fühlte mich an die Whalewatchingtour damals auf Cape Cod erinnert und war mir nicht sicher, ob das nur ein Teil des Films meines Lebens war, der da vor mir in Sekundenschnelle ablief, oder ob Otti wirklich gleich einen Strahl Wasser aus der Fontanelle stoßen würde.

Schrecken: Er bleibt neben Reihe 4 stehen. In diesem Moment wusste ich - drei Sitze frei, einer davon neben
mir, ich habe eine Überlebenschance von gerade einmal 2/3. Nun ist der Otti ja keiner, der unnötig auf Spannungsaufbau verzichtet. Er zog sich erst einmal die Jacke aus. Das dauerte etwa zweieinhalb Minuten. Unnötig zu sagen, dass in dieser Zeit der Gang unpassierbar war und sich das Boarding entsprechend verzögerte. Dann setzte sich ein Mensch, der sich gerade noch eben so on Otti vorbeiquetschen konnte auf Sitz 4A. Und da wusste ich, jetzt wird es im wahrsten Sinne des Wortes noch enger, die Überlebenschance plötzlich nur noch bei 50 Prozent.

Die Rettung - Otti steuert Sitz 4C auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs an. Und setzt sich nach der Sanduhrmethode. Soll heißen, er passte natürlich nicht zwischen die beiden Armlehnen und setzte sich einfach darauf und wartete, dass sein Fett zwischen den beiden Lehnen hindurchsackend ihn langsam gen Sitzfläche transportieren würde. Was auch binnen etwa einer Minute geschah.

Auftritt Karasack: "Ach Herr Fischer, fliegen Sie auch zum ZDF, na prima!" "Ja, und Sie, was homms dann in Wien g´macht?" "Na, ich war bei einer Gustation, Österreichische Spezialitäten und so." "Hots aach an Wein geb´n?" "Ja, sicher, Veltliner vor allem" "Na, dann sammer ja gut drauf?"

An dieser Stelle unterbrach die Stewardess, brachte die Gurtverlängerung für den Herrn Fischer und wies den Herrn Laberseck darauf hin, dass er den Betrieb aufhalte. Der Frage des Fischernachbarn, dessen Körperform sich inzwischen der wurfparabelähnlichen Form der Flugzeuginnenwand angepasst hatte und der sicher seit Minuten nicht mehr hatte tief Atem holen dürfen - "kommt denn noch jemand, oder kann ich mich auf den freien Sitz da vorne setzen" begegnete die Stewardess mit einem verständnisvollen Kopfschütteln "da müssen wir noch warten, ich weiß es nicht." Lächelnder ist ein Todesurteil seit Freislers Zeiten nicht mehr ausgesprochen worden.

Nach dem Abheben - doch, doch wir kamen irgendwie in die Luft und der arme Mensch von 4A saß inzwischen
auch schon auf einem anderen Platz - dann plötzlich ein Geräusch als hätte eines der Triebwerke einen Kolbenfresser. Kein Grund zur Sorge, es war nur der Herr Fischer. Der schnarchte und sein vegetatives Nervensystem mehr so von innen verwaltete. Und erst in einer Art Pawlowschem Reflex wieder erwachte, als er im Unterbewusstsein den Wagen mit dem Essen heranfahren hörte. Da war plötzlich zu beobachten, wie dynamisch der sich sonst in Zeitlupe bewegende Otti auch sein kann. Offenbar ist es möglich - die Naturwissenschaft war sich dessen bisher noch ungenügend bewusst - die Nahrungsaufnahme durch eine Art Löffel-Rundschlagverfahren deutlich zu beschleunigen. Monumental!

War ich froh, dass wir heil in Köln/Bonn landeten. Und schon 5 Minuten nach Öffnung der Türen aus der Maschine entkamen - das Anziehen eines Sakkos Größe 68 dauert eben noch länger als das Ausziehen desselben. Und der Herr Fischer ließ sich und den anderen, auf Freigabe des Gangs wartenden Passagieren reichlich Zeit.

Und dann, am Abend die peinliche Sendung mit Kerner. Die besten 50 Bücher. Mann, Deutsche, was habt Ihr da für einen Scheiß zusammengewählt? Den Herren der Ringe auf Platz 1? Gebt doch zu, dass sich kaum einer durch dieses elendiglich verschnarchte Buch gekämpft hat. Die Bibel auf Platz 2? Die habt Ihr natürlich auch alle gelesen? Und Faust und Co., na sicher!

Nee, hier kommt die Top Eleven der besten Bücher:

1. Albert Camus: Der Fall
2. Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte
3. John Fowles: Der Sammler
4. Bret Easton Ellis: American Psycho
5. Lars Gustafsson: Nachmittag eines Fliesenlegers
6. Michel Houellebecq: Plattform
7. Patrick Süßkind: Die Taube
8. Philippe Djian: Heißer Herbst
9. Martin Walser: Die Verteidigung der Kindheit
10. Bernhard Schlink: Der Vorleser
11. Jose Saramago: Das Floß

Die sind bis zum nächsten Monat zu lesen und auswendig zu lernen. Ich frage das hier ab!

ni