Nick Igels Kulturtagebuch >>Aktuell >>Archiv
   
 
Nick Igels Kulturtagebuch
Von künftigen Mauerschützen, den Ungarn, unseren besten Sportlern und Frau Poth

Erste Novemberwoche:
Gute Nachrichten aus dem Parlament. Die Sozialdemokraten wollen, so hat es Franz Müntefering in fast schon kohlesker Didaktik erklärt, den 3. Oktober abschaffen. Wir erinnern uns, der Altkanzler hatte seinerzeit gedroht, die Arbeitslosen zu halbieren. Erst nachdem wir uns über Wochen auf einen im John-Rambo-Kostüm durch die Arbeitsämter tobenden, wahllos Arbeitslose mit der Machete zerteilenden Bimbes-Helmut gefreut hatten, stellte sich am Ende heraus, dass er gar nicht die Arbeitslosen, sondern nur die Arbeitslosigkeit halbieren wollte. Tja, und heute klingt es bei den Sozis, als ginge es alsbald dem gregorianischen Kalender an den Kragen. So ist es, wie immer bei rot-grün, aber gar nicht gemeint. Nicht der Tag der deutschen Einheit soll entfallen, wohl aber seine Feiertagsqualität. Immerhin 14 Jahre hat es gedauert, bis die Politik endlich begriffen hat, dass die Wiedervereinigung alles andere als ein Grund zum Feiern ist. Auch wenn es eine gewisse innere Logik hatte, des Tages, an dem die Zonenmischpoke zu uns gestoßen ist, zu gedenken, indem wir alle das tun, was die Ostdeutschen am besten können - nicht arbeiten.

So auch Gabor Steingart in "Deutschland, der Abstieg eines Superstars": "Der Aufbau-Ost trägt seinen Namen zu Unrecht, er ist in allererster Linie ein Aushalten-Ost und hat die Kernschmelze der gesamten deutschen Volkswirtschaft erheblich beschleunigt." (Seite 234) Wie gespalten die Nation weiterhin ist, vermerkt auch die Financial Times: "Die ehemalige DDR ist trotz der unzweifelhaften Fortschritte seit 1989 noch immer eine Parellelwelt innerhalb des wiedervereinigten Deutschlands."

Auch deswegen geht die PARTEI-Partei schon längst einen Schritt weiter. In Philippsthal (Osthessen) wurde unter dem Motto "15 Jahre sind genug" passend zum Jahrestag des Mauerfalls am 9. November mit dem Wiederaufbau des antifaschistischen Schutzwalls begonnen. Ein vielversprechender Beginn. In den Anzeigenteilen ostdeutscher Tageszeitungen tauchen schon die ersten Stellenausschreibungen für Mauerschützen auf und angeblich sollen Manfred Stolpe und Gregor Gysi bereits bei der neugegründeten Staatssicherheit angefragt haben, welches die Einstellungsvoraussetzungen für Informelle Mitarbeiter (IM) seien. Da besteht wahrscheinlich der größte Nachholbedarf, denn, so die Times: "Die DDR war ein Land in dem das Verhältnis zwischen Spitzeln und Bespitzelten sogar höher war als in der kommunistischen Sowjetunion. Die Staatssicherheit hatte 97.000 hauptamtliche Mitarbeiter, 173.000 informelle Mitarbeiter und ca. 2,7 Millionen Teilzeitinformanten." Auch deswegen kann der ehemalige Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Klaus-Dietmar Henke feststellen: "Die Stasiunterlagen entsprechen von der Menge her etwa der Gesamtheit des sonstigen vorhandenen deutschen Archivmaterials seit dem Mittelalter."

Ganz leicht wird die Wiedereinstellung der entlassenen Spitzel aber nicht. Anna Funder deckt in "Stasiland" auf: "Die Stasimitarbeiter sind im Großen und Ganzen nur wenig von der in Ostdeutschland seit dem Mauerfall grassierenden Arbeitslosigkeit betroffen. Viele von ihnen haben Arbeitsplätze im Versicherungswesen, im Telemarketing und im Immobilienhandel gefunden. Keine dieser Branchen existierte in der DDR. Aber die Stasimitarbeiter waren entsprechend ausgebildet. Sie waren darin geschult, Menschen zu Dingen zu verleiten, die deren eigenen Interessen zuwiderlaufen." (Seite 202)



Zweite Novemberwoche:
In der losen Reihe unseres EU-Neumitgliederchecks habe ich in diesem Monat die Ungarn getestet. Ein freundliches Völkchen. Schon am Flughafen wird man herzlich empfangen, bekommt getrocknete und gemahlene rote Paprika zum Kauf angeboten und ein Heftchen mit den wesentlichen Sehenswürdigkeiten und viel Reklame für Hotels, Restaurants und die besten Einkaufsadresse für getrocknete und gemahlene rote Paprika in die Hand gedrückt. Volle Punktzahl in der Rubrik Gastfreundschaft und einen Sonderpunkt in der Rubrik Paprika! Etwas stutzig machte mich dann aber eine Passage in besagtem Heftchen. Da heißt es doch: "Wenn Sie die Hauptstraße der Fußgängerzone entlang gehen, kann es Ihnen passieren, dass Sie von einem sehr attraktiven Mädchen angesprochen werden, das Sie in ein Gespräch verwickelt und Ihnen im Laufe der Unterhaltung vorschlägt, doch in einer nahegelegenen Bar ein Glas zu trinken." Soweit alles klar, das passiert mir täglich, volle Punktzahl in den Rubriken Kommunikation und Balzverhalten. Weiter wird dann aber behauptet: "Sie nehmen ein paar Drinks und dann kommt plötzlich eine Rechnung mit ein paar Nullen zuviel. Deswegen fragen Sie lieber vor jeder Bestellung nach den Preisen. Denn, seien Sie doch mal ehrlich, wie attraktiv sind Sie eigentlich? Würden gutaussehende Frauen Sie etwa normalerweise auf der Straße anhalten und Ihnen vorschlagen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Nein? Keine Überraschung!"
Mal ganz davon abgesehen, dass es bei einer Währung wie dem Forint auf ein paar Nullen wirklich nicht ankommt und die Autoren dieses Beitrags ziemliche Krämerseelen zu sein scheinen, dürften die einzigen und größten Nullen ja wohl ebendiese Verfasser sein. Da wird einfach unterstellt, dass das ganz normale Groupieverhalten, wie es ich jeden Tag erlebe und wie es zur ganz normalen Unterwerfung der Ostfrau unter den Westdevisenträger gehört, in Ungarn nur als gehobene Form der Prostitution vorkomme. Da könnte man ja gleich behaupten, die Thaimädels seinen nur deswegen so freundlich und "aufgeschlossen" weil es Ihnen auf das Geld der Touristen oder die Staatsbürgerschaft eines reicheren Landes ankomme. Nein, liebe Ungarn, da habt Ihr Euch schwer in die getrocknete Paprika geschnitten. Deutlicher Punktabzug in der Rubrik Ehrlichkeit und klare Disqualifikation als Neumitglied. Gut dass wir sowieso schon an der Mauer bauen. Die Ungarn waren die ersten, die den eisernen Vorhang geöffnet haben, also gehören sie auch als erste wieder dahinter.

Das ZDF fahndet derweil nach den größten deutschen Sportlern aller Zeiten. Keine Überraschung das Triathlet Franz Beckenbauer (Altherrenfußball, Marathonschwafeln und Sprintschwängern - O2 can do!) mit in der Spitzengruppe zu finden ist. Ebenso wie Beckers Boris, die Frau Graf und der unvermeidliche Gokart-Fahrer aus Kerpen. Überraschend aber die hohe Anzahl von Zonis unter den besten Fünfzig. Offenbar hat der gesamte Osten nur seine Steroidendlager gewählt. Wie etwa Anna Bolika und die gesamte MANNschaft der Kugelstoßer"innen". Sogar Zonenfußballer waren mit vorne. Obwohl die seinerzeit fast nur gemauert haben. Womit wir wieder beim Thema wären.

Heißa! PRO7 bringt eine DVD "Best of Popstars" heraus! Die gehört unter jeden Weihnachtsbaum. Gleich neben den Bildband "Meine schönsten Aknepickel" und das Hörbuch "Ein Tag auf dem Schlachthof".



Dritte Novemberwoche:
Endlich kommt beim Castortransport mal Stimmung in die Bude. Jahrelang mussten sich Demonstranten anketten, festbinden, vor und hinter Züge werfen und doch hat es die Umsicht der Behörden immer wieder verhindert, dass den Rechtsbrechern dabei etwas Ernsthaftes passiert ist. Es war doch ums Verrecken oder eben gerade ums Nichtverrecken kein Märtyrer zu produzieren! Jetzt ist es endlich gelungen. Ein Franzose hat sich von einer Lok überfahren lassen und nun kann der Staat endlich wieder angemessen verachtet werden, wenn auch leider nur der französische.

Mit der Verachtung haben die Ägypter gleich mal angefangen und der Maschine des Fischerjockel zu Arafats Beerdigung erst so spät eine Landeerlaubnis erteilt, dass das sympathische Geschirrtuchmodel aus Palästina schon verscharrt war, ehe Juppie Fischer auch nur zum Kranzabwurf ansetzen konnte.

Das alles ist aber kaum der Rede wert, das wahrhaft tragische Ereignis der Woche war ein anderes. Die erste Folge von "The Swan". Mir schwante ja schon nach der Vorankündigung, dass da ein neuerliches Rekordtief des Reality-TVs auf uns zu kommen würde. Zumal man als antiintellektuellen Schutzwall ja auch noch die Frau Poth, vulgo Verona Feldbusch, für die Moderation des Elends gewonnen hat und so auch gleich die Garantie für eine dem audiovisuellen Desaster angemessene Syntax hatte. Was das alles mit Schwänen zu tun hat, ist allerdings noch immer reichlich unklar. Das Konzept funktioniert eher so, dass man reichlich dumme Gänse ein paar Monate lang einsperrt und ihnen dabei einredet, wie schön sie in dieser Zeit werden. Zur Untermauerung dieser gewagten Theorie werden ein paar unwesentliche Tuning-Eingriffe vorgenommen: Tieferlegung von Falten, härtere Federung der Stoßdämpfer, Aufpumpen der Airbags, Aufspritzen der Lippen (was eher zu einer Frühver-entung als zum Schwanendasein führt) etc. Und weil die Bedürfnisse ebenso wie die "kleinen körperlichen Schwachstellen" der Kandidatinnen sehr unterschiedliche sind, bekommt jede ein individuelles Fitnessprogramm zusammengestellt. Das in jedem einzelnen Fall aus "Aerobic, Aquagymnastik, Jogging, Indoor-Cycling und Entspannungsübungen wie Qi Gong" besteht. Ungefähr so individuell und abwechslungsreich wie es das Angebot eines durchschnittlichen DDR-Supermarkt gewesen sein dürfte. Gipfel jeder Sendung ist dann die Übung "Flennen auf Kommando vor dem Spiegel". Dazu werden die Kandidatinnen aufgebrezelt, dass die Heide wackelt. Für den Zuschauer gibt es dann einen ganz tollen vorher/nachher-Vergleich. Wobei die "vorher"-Bilder allesamt ungeschminkt und im halbzerfetzten grauen Feinripp, die nachher-Bilder allerdings nach formvollendetem Gesichtsbemalen nach Zahlen und im Ballkleid aufgenommen wurden. Und, sieht man da nicht einen Riesenunterschied? Etwa bei der Kandidatin, der an den Innenseiten der Oberschenkel Fett abgesaugt worden ist und die ihre Beine nun unter einem blickdichten Ballkleid verstaut hat, das so groß ist, dass die Wildecker Herzbuben und ein Dutzend Weightwatcher darin zelten könnten. Dümmlicher ist ein Publikum selten verschaukelt worden. Ich warte auf die nächste Staffel. Dann sind die Männer dran. Arbeitstitel "The Schwanz".




Vierte Novemberwoche:
Da könnte man ja denken, das sei es dann für diesen Monat an Abgrund gewesen. Tiefer gehe es nicht mehr. Hätte man denken können. Wäre da nicht die Bachelorette gewesen. Das muss ich kurz erklären. Etymologisch. Denn Bachelorette ist bekannt ein Compositum, das sich zusammensetzt aus "Bache", wie im Jägerlatein die Wildsau heißt und "Lorette", was ein altmodischer französischer Begriff für Hure ist, geprägt in Anlehnung an die Kirche Notre-Dame-de-Lorette, in deren Umgebung in früheren Zeiten zahlreiche Nutten ihrem Beruf nachgingen. An sich ist der Titel also fast eine Tautologie. Aber der doppelte Hinweis auf die Schweinerei ist dem Niveau des Formats durchaus angemessen. Beim Bachelor konnte man sich ja noch vorstellen, dass 25 Frauen um einen Kerl kämpfen - wenn auch nicht um diesen. Aber dass sich 25 Männer dazu hergeben würden, das umgekehrte Format mitzumachen? Leute, gebt es zu, das sind alles schlecht bezahlte Kleindarsteller, denen aus mir unverständlichen Gründen diese Sendung weniger peinlich ist als ein Gang zum Sozialamt.
Besonders lustig die "Nacht der Rosen" wenn die Bache ihre Kreppblumen verteilt und - weil sie sich ja auf keinen Fall zehn oder fünfzehn Namen merken kann (über die Festplatte einer Frau und die besondere Fähigkeit, unwichtige Details eines Streits über Jahrzehnte, Fußballergebnisse und andere lebenswichtige Informationen aber nur über Zehntelsekunden zu speichern, berichte ich nächstens mal) - die Namen von kleinen ganz "unauffällig" an die Rosen gehefteten Zettelchen ablesen muss. Das ist schon peinlich genug, schlimmer ist nur noch, dass der für die Nacht der Neurosen zuständige Cutter diese suchenden Blicke der Lorette nicht wenigstens durch Umschnitt auf die Spannung vortäuschenden Kleindarsteller ausblendet.
Die nächsten Folgen dieses Fiaskos können eigentlich nur noch schlimmer werden. Rudolf Ullstein hat nicht ohne Grund dereinst formuliert: "Wo Frauen dominieren, ist zwar alles schön, aber nichts funktioniert."

Da ist es schon wichtig, dass an anderer Stelle eine kaum erträgliche Diskriminierung von Frauen energisch angeprangert wird. So hat sich die junge Deutsche, die in Venedig zum fünften Mal in Folge durch die Gondolierenprüfung gerasselt ist, bitterlich über die venezianische Frauenfeindlichkeit beschwert. Und über den dortigen Chauvinismus, den sie als Grund des Durchfallens klar identifiziert hat. Gut, sie hatte auch eine ganze Weile mit dem Ruder an einer Brücke festgehangen. Und hätte im Eifer des Gefechts beim Einparken fast ein Polizeiboot versenkt. Aber wer wird denn so kleinkrämerisch sein?

Damit hätte die gute Frau unter normalen Umständen ganz lässig den Titel der überflüssigen Frau des Monats abgesahnt. Doch leider ist da etwas dazwischen gekommen. Nämlich jene Pressemitteilung, die uns mitteilt, dass Anke Engelke für 2005 eine größere Gastrolle in der Lindenstraße übernommen hat. Das dürfte der Beginn einer unaufhaltsamen Abwärtsspirale für die arme Anke sein. Erst die Gastrolle in der Lindenstraße, dann die Alm, das Dschungelcamp und das Promiboxen, bevor sie sich schließlich bei The Swan eine neues Gesicht machen lassen und als Bache-Lorette bei RTL auf die Suche nach einem Mann gehen kann, der sie nach alledem noch haben will. Klarer Fall und einstimmiges Votum: Überflüssige Frau des Monats November!

ni