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Nick Igels Kulturtagebuch Aus für Promi-Boxen, Juhnke und gesunden Menschenverstand
Erste Aprilwoche:
Eine schlechte Nachricht erschüttert die Welt. Fassungslosigkeit und tiefe Trauer allenthalben. Entsetzen und Bestürzung vor allem auch im katholischen Rheinland. Doch es scheint unwiderruflich: RTL setzt das Promi-Boxen ab. Schade! Wir hatten uns doch so auf viele weitere spannende Begegnungen gefreut - Bertie Vogts gegen Mike Tyson, die Wildecker Herzbuben in einem Kickbox-Duell gegen die Klitschkos, Angela Merkel gegen Evander Holyfield, Heino gegen Ratzinger. Vielleicht finden wir die ja jetzt alle beim neuen, höchst bemerkensunwerten Format "In Teufels Küche" wieder - was angesichts des provokanten Titels vor allem bei Ratzi interessant wäre.
Apropos Ratzi, kaum hatte der Polen-Papst den Arsch zugekniffen und endlich Platz für einen Deutschen gemacht, titelte die BLÖD-Zeitung schon "Wer kriegt das Herz vom toten Papst? Polen wollen einen Teil ihres geliebten Johannes Paul II." Mal ganz davon abgesehen, dass mir BILD inzwischen sogar schon mit einem relativ simplen Genitiv überfordert zu sein scheint, bin ich mir auch relativ sicher, dass die Polen schon Mittel und Wege finden werden, an die päpstliche Pumpe zu kommen. Vielleicht könnten die Deutschen sich bei der Gelegenheit das päpstliche künstliche Hüftgelenk sichern? Das ist als Reliquie schließlich am haltbarsten. Bringst Du es für uns mit, Wojtek?
Insgesamt drohte der April aber schon nach der ersten Woche zu einem besonders schlechten Monat für Sozialspanner zu werden. Erst der Exitus von Harald Juhnke, den man zwar nicht mehr im Halbjahresrhythmus (oder sollte man in seinem Fall vom Quartalsrhythmus sprechen) beim Saufen und anschließendem Absturz ablichten konnte, der aber immerhin noch für ein paar Winkefotos mit Bademantel und schiefem Grinsen sowie regelmäßige Stories darüber zu verwerten war, wie sich die Familie über die fachgerechte Pflege zerstreitet. Dann der Exitus des Fürsten von Monaco und damit das urplötzliche Ende aller Geschichten wie der noch immer "seiner Gracia" nachtrauere bzw. darauf warte, dass sein Sohn endlich a) heirate oder b) sich als Schwuchtel oute oder c) beides absolviere - und zwar in beliebiger Reihenfolge. Es folgte das englische Königshaus mit der Hochzeit von "Lass-mich-Dein-Tampon-sein" Charles und Camelia und damit das Ende jenes künstlichen Hauchs des Verbotenen, der sogar Details einer Beziehung berichtenswert gemacht hatte, über die von anderen Königshöfen nicht einmal Rolf Seelmann-Eggebrechmittel referiert hätte. Wenn das so weiter geht, stellt sich schon die Frage, worüber Bunte und BLÖD-Zeitung künftig noch berichten sollen? Vielleicht mal über Saul Bellow? Der immerhin auch gestorben ist, aber bis zum Schluss wesentlich zusammenhängender, interessanter und abwechslungsreicher formulieren konnte als der Paulenpaul, wesentlich intellektueller unerhalten konnte als es die Sozialschmarotzer an Europas Höfen je vermögen werden, und mindestens so gerne einen draufmachte wie Dirty Harry Juhnke.
Aber wer kümmert sich bei so vielen Boulevardtoten schon um einen Saul Bellow? Irgendwie war es wieder so ähnlich wie damals als die kuhäugige Windsorprinzessin mitsamt Scheichparodie in den Tunnelpfeiler einschlug. Am selben Tag starb Mutter Teresa. Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, denn welche Lebensleistung hatte sie im Gegensatz zu der notgeilen Kindergärtnerin, Reitlehrerentsafterin und Föhnfrisurständerin aus Windsor schon zu bieten?
Zweite Aprilwoche:
Wer dachte, dass die dramatischen Entwicklungen der erste Aprilwoche nicht mehr zu überbieten sein würden, der wurde von der zweiten Aprilwoche eines Besseren belehrt. Auf dramatische Weise wurden die Deutschen einmal mehr mit den schwerwiegenden Problemen des Vaterlandes konfrontiert. Genauer gesagt traf sich wieder einmal die Kultusministerkonferenz und beschloss über die Reform der Rechtschreibreform nachzudenken und "wenigstens die gravierendsten Fehlentwicklungen zu korrigieren". Nur Krämerseelen würden an dieser Stelle darauf verweisen, dass die Herrschaften Minister da vielleicht ein ganz klein wenig über virtuelle Realitäten diskutieren, jedenfalls solange etwa 98 Prozent unserer PISA-Versager weder nach der alten, noch nach der neuen noch nach einer der kommenden zehn bis zwölf Varianten korrekter deutsche Rechtschreibung schreiben können. Nur jemand, dem sich das urdeutsche Bewusstsein nicht erschließt, dass alles geregelt sein muss - selbst und gerade dann, wenn niemand mehr die Regeln zu überschauen oder anzuwenden in der Lage ist - nur so jemand könnte je auf den Gedanken verfallen, dass es in der deutschen Schul- und Bildungspolitik dringendere Sorgen und Probleme gebe.
Derweil vermeldet AP, statistische Untersuchungen hätten ergeben, dass Dicke offenbar weniger Lust auf Seitensprünge hätten als dünne Menschen. Aha! Und worauf stützt sich diese Analyse? Auf die Ergebnisse einer Befragung, nach der Dicke seltener Seitensprünge hatten als Dünne. Schon wieder aha! Und vielleicht mache ich hier einfach mal die Anmerkung, dass der Rückschluss, die geringere Anzahl der Seitensprünge beweise geringere Lust, unzulässig ist. Ich fürchte, sie beweist vor allem geringere Attraktivität. Vielleicht sollte man die unter der "Volkskrankheit Adipositas" leidenden Menschen einfach mal fragen, ob es nicht schlicht der Mangel an Gelegenheit war, der sie so treu hat sein lassen. So langsam dämmert mir auch, warum mir meine Lebensabschnittspartnerin seit der zweiten Aprilwoche immer so gerne und reichlich kocht.
Dritte Aprilwoche:
Natürlich war nach diesen weltbewegenden Ereignissen nicht wirklich zu erwarten, dass die dritte Aprilwoche noch einmal einen draufsetzen würde. Aber das gelang mühelos. Immerhin gab es den Prozess gegen den Kannibalen von Rotenburg und achteinhalb Jahre Knast für Armin Meiwes. Allerdings gehen sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung in Revision. Die Staatsanwaltschaft sieht verschiedene Mordmerkmale als erfüllt an und verlangt eine härtere Bestrafung, die Verteidigung plädiert wahlweise auf Tötung auf Verlangen oder auf Mundraub und verlangt den Freispruch.
Derweil hält sich Fischers Jockel recht gut im Gespräch. Schon am 28. August 1984 hatte er gegenüber der Frankfurter Rundschau erklärt: "Man kann den Ausländern nur raten, ein Touristenvisum zu beantragen und dann hier um eine Aufenthaltserlaubnis zu ersuchen." Zur Belohnung kann der Herr Fischer jetzt dem Untersuchungsausschuss erklären, wie er dieses Postulat höchstpersönlich mit Leben erfüllt hat. Natürlich kann Fischer sich exkulpieren, zum fraglichen Zeitpunkt war er schließlich noch dünn und hatte wegen der Seitensprünge keine Zeit zum Regieren. Und gleich nachdem er sich wieder zum Zeppelin gefressen habe, so Fischer zum Ausschussvorsitzenden Uhl, habe er wieder mehr Zeit im Büro verbracht und sogleich den fraglichen Runderlass aufheben lassen. Da er nicht beabsichtige, wieder abzunehmen, wären Wiederholungen für die Zukunft ausgeschlossen - es sei denn der Kannibale von Rotenburg käme im Außenamt vorbei. Der hatte nämlich schon vor seinem Prozess geäußert, von Fischer könne sich mancher noch eine Scheibe abschneiden.
Inzwischen macht der SPD-Vorsitzende wieder einmal Münteferien von seinem gesunden Menschenverstand und beleidigt mal eben die deutschen Unternehmer. Noch dazu auf unpräzise Weise, denn Gegenstand seiner Vorwürfe war schließlich die Verlagerung von Unternehmen und damit Arbeitsplätzen ins Ausland. Insofern hätte er biologisch korrekt nicht von Heuschrecken, sondern von Wanderheuschrecken sprechen müssen. Trifft sich übrigens gut, dass der Franzl just in dem Moment auf die Kacke haute, dass es spritzte, als sein eigener Bundeskanzler sich in Begleitung eines Trupps "Heuschrecken" auf Staatsbesuch befand. Natürlich wissen wir, dass der Linksruck in der Schröder-SPD ohnehin nur auf dem Papier stattfindet. Man könnte statt dessen natürlich auch einfach die Rahmenbedingungen in Deutschland so verändern, dass eine Abwanderung von Produktionsmitteln ins Ausland nicht mehr so leicht und nicht mehr so profitabel wäre. Aber ernsthaftes Regieren kommt beim Volk nicht so gut an, und am 22. Mai ist immerhin Wahl in Nordrhein-Westfalen. Also immer gut Holz auf die Kapitalisten! Obwohl - getz lassenwa ma die Kiache im Doaf, Münti - wer einem Unternehmer vorwirft, Gewinne erwirtschaften zu wollen, der kann auch Ratzi tadeln, dass er zu oft in die Kirche gehe.
Vierte Aprilwoche:
Bleibt noch über den amerikanischen Biologen zu berichten, der drei neue Käferarten entdeckt hat. Schimmelfressende Käfer. Die vorzugsweise im Dreck leben. Also wurden diese possierlichen Arten gleich mit angemessenen Namen bedacht: Bush, Cheney und Rumsfeld. Na gut, ich melde für die nächsten Exemplare verwandter Arten, gerne auch Heuschrecken oder Kakerlaken, schon einmal die Namen Müntefering, Westerwelle und Moik an.
Ach ja, die Wahl zur überflüssigen Frau des Monats. Ich hatte es ja versprochen, natürlich ist auch in diesem Monat wieder die Frau Simonis vorne. Diesmal wird sie für ihren weinerlichen Vortrag in Interviews bei "Maischberger" und anderen geehrt. Immer wieder hat sie den Fraktionskollegen, der ihr die Stimme versagt hatte, als Verräter abqualifiziert und sich fast schon in Märtyrerinnenpose geworfen. Ist das denn so schwer zu verstehen, gute Frau, dass man Sie einfach nicht mehr haben wollte? Schlechte Verliererin mit zweifelhafter bis unsportlicher politischer Einstellung, nee, das können wir wirklich nicht gebrauchen!
Und was die Wahl zur überflüssigen Frau des Monats angeht, da ist wenigstens klar, wen Sie verantwortlich machen können. Frau Vorsitzende, schreibense rein: Nick Igel ist schuld.
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