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Nick Igels Kulturtagebuch vom Mai 2007 Neues von der Bahn
Erste Maiwoche:
Neues von unserer lieben Bahn (ULB)! Immer mehr entwickelt sich das sympathische Unternehmen zu einem Weltkonzern mit modernster Hochtechnologie. So hat ULB im neuen Berliner Hauptbahnhof einen Markstein der Automatisierung des Fahrkartenverkaufs gesetzt. Früher musste man oft stundenlange Kämpfe mit dem benutzerunfreundlichen Fahrkartenautomat führen, nur um nach endlosem Herumdrücken auf dem "Aktivbildschirm", Festlegen der Fahrtroute, der Fahrgastzahl, der Klasse, des Fahrtziels, der eigenen Augenfarbe und der Konfektionsgröße der Begleiterin zu erfahren, dass das Gerät just heute weder Kreditkarten noch Geldkarten noch Scheine annimmt und man die 91,40 Euro besser passend in Münzen dabei gehabt hätte. Nun hat ULB das System deutlich vereinfacht. Die Eingaben in den Fahrtkartenautomaten entfallen weitgehend. Dort bezahlt man nur noch. Allerdings muss man eine Codekarte mitbringen, auf der Fahrtroute, Personanzahl, Augenfarbe, Körpergewicht etc. eingelesen sind. Das erledigt unbürokratisch ein zweiter Automat, den ULB direkt neben dem ersten aufgestellt hat. Da bei der Bahn im Schnitt jeder zweite Automat außer Betrieb ist, hat man gute Chancen, auch künftig auf elektronischem Wege nicht an Tickets zu kommen, da schon rein statistisch eigentlich immer entweder der Apparat zur Codekartenerstellung oder der Apparat zum Ticketverkauf defekt ist. Das bringt einen dann wieder in Genuss eines rund fünfundvierzigminütigen Kuraufenthalts in der Schlange vor einem der zwei Fahrkartenschalter, die ULB in der Hauptreisezeit von den insgesamt acht theoretisch verfügbaren Schaltern auch tatsächlich geöffnet hält. Ideal für Leute mit zu niedrigem Blutdruck. Bis man dran kommt, ist man in jedem Fall auf hundertachtzig - und damit wesentlich schneller als die meisten Fernzüge. Manchmal funktionieren auch beide Automaten. In diesen Sternstunden legt ULB dann richtig los. Denn natürlich sind die Apparate, das hat sich in der Vergangenheit bewährt, so benutzerunfreundlich, dass sie auch dann nicht bedienbar sind, wenn sie technisch funktionieren. Unsere liebe Bahn wäre uns längst nicht so lieb, wie sie es ist, hätte sie hier nicht Vorsorge getroffen. So steht neben jedem der beiden Automaten ein freundlicher Bahnbediensteter, erklärt die Funktionsweise und führt unseren armen, alten oder ausländischen Mitbürgern (wer sonst fährt Bahn?) beim Bedienen das Händchen. So braucht man nur zwei Angestellten, um einem Kunden ein Ticket zu verkaufen. Die beiden Angestellten könnten natürlich statt dessen auch an zwei der sechs unbesetzten Schalter arbeiten und dort wesentlich mehr output produzieren. Aber das wäre zu einfach. Und nicht modern.
Zweite Maiwoche:
Auch in dieser Woche wieder Neues von ULB, dem geliebten Hochtechnologieunternehmen mit Börsenzukunft. In Bonn öffneten sich plötzlich einige Schranken zu früh, was zu lustigen Crash-Tests mit Lebenddummies führte. Unsere liebe Bahn hat dann festgestellt, dass weitere 200 baugleiche Schranken im ganzen Bundesgebiet jederzeit denselben Fehler machen könnten. Also hat man bis zur Behebung des Fehlers an alle diese Schranken Bahnpersonal gestellt, das diese Schranken nun von Hand hoch und wieder herunter kurbelt. Wieder 200 Mann, die an den Schaltern fehlen…
Ich fahre nicht nur nicht mit der Bahn, ich kaufe auch nicht bei ALDI, LIDL, Schlecker, Jacques Weindeponie oder DM. Das sind Ausbeuterbetriebe, die ihre niedrigen Preise auf dem Rücken der Belegschaft erwirtschaften. Das muss ich nicht unterstützen. Zumal die Qualität der meisten Produkte bestenfalls medioker ist und damit meine Ansprüche spielend unterbietet, insbesondere bei den untrinkbaren Weinen, die ALDI und Co. unter Umgehung aller Gesetze über Massenvernichtungswaffen unter das Volk zu bringen pflegen. So habe ich auch meine Fotos nie in die Drogerie, sondern immer brav in meinen Fotoladen getragen. Der inzwischen von freundlichen Menschen aus dem indischen Kulturraum betrieben wird. Die kennen sich aus mit IT, wahrscheinlich hat die Umstellung auf Digitalfotografie die Vorinhaber so überfordert, dass nun die Inder übernommen haben. Und die haben es drauf. Ich bringe meinen Fotochip hin, und nur einen Tag danach, so versichert mir der Inder meines Vertrauens, kann ich die rund 300 Fotos abholen. Ich bin zur Sicherheit erst zwei Tage drauf hingegangen. Man weiß ja nie. Die Fotos waren trotzdem nicht da. Das könne durchaus mal vorkommen, meinte der Inder. Warum wusste er aber nicht. Auch wusste er nicht, warum er dann so überzeugt habe versichern können, dass es nur einen Tag dauern werde. Entschuldigt hat er sich auch nicht. Er hatte den Fehler ja nicht zu vertreten, meinte er, das läge am Labor. Am Tag drauf waren dann Fotos da. Gut, jetzt nicht alle. So etwa ein Drittel hatte das Labor einfach nicht geliefert. Weil die vom Inder meines schwindenden Vertrauens nicht mit auf die CD geladen worden waren, die er ins Labor geschickt hatte. Auch dafür hat er sich nicht entschuldigt. Sondern folgerichtig festgestellt, ich könne den Chip ja noch einmal bringen, dann sei das Problem sofort gelöst, denn dann bestelle er die Bilder einfach nach. Also fuhr ich am nächsten Tag zum vierten Mal in den Fotoladen. Und drei Tage darauf - man wird ja vorsichtiger - noch einmal, zum Abholen. Nun hatte das Labor nicht nur die fehlenden, sondern noch einmal alle Fotos geliefert. Der Inder meinte, die müsste ich nun auch alle nehmen und bezahlen. Ich verwies darauf, dass ich etwa 200 der 300 Fotos bereits hätte und auch nicht noch einmal haben wollte. Das müsse ich erst einmal beweisen, meinte der Inder. Also fuhr ich, schon in gewissen Zweifeln über die Zuwanderungspolitik der letzten Jahre, wieder auf meine Ländereien, holte das Beweismaterial - also die bereits gekauften Bilder - und hielt diese meinem Inder unter die Nase. Ja dann, meinte er, dann müsse ich mich nun wirklich nicht dafür entschuldigen, dass ich die Bilder nicht alle nähme. Er hat sich für das Chaos allerdings noch immer nicht entschuldigt. Ist ja auch toll, sechsmal in die Stadt fahren, um ein paar Bilder ausdrucken zu lassen und abzuholen. Vielleicht lag Rüttgers mit seinem Spruch "Kinder statt Inder" doch nicht so falsch?
Dritte Maiwoche:
Also bin ich mit den nächsten Bildern doch zu DM gegangen. Und habe dort meinen Chip in einen Automaten eingelesen. Und meine Adresse eingegeben. Hochprofessionell, das Ganze. Nach kaum zehn Minuten war die Eingabe abgeschlossen und warf mir der Apparat einen Zettel aus: Ihre Bilder liegen für Sie am 29. Mai zur Abholung in Ihrem DM-Markt bereit. Na gut, auch hier habe ich mal einen Tag zugegeben und erst am Morgen des 30. in "meinem" DM-Markt meine Bilder gesucht. Und nicht gefunden. Auf Nachfrage erklärte eine der ausgebeuteten 400-Euro-Kräfte, dass der 28. Mai ja bekanntermaßen ein Feiertag gewesen sei. Dadurch könne sich auch die Lieferung der Bilder um einen Tag verzögern, denn der Automat wisse ja nicht, dass Feiertag sei und berechne die Abholfristen dann falsch. Nun hätte man lange darüber philosophieren können, wieso ein Automat, der Fotos im Gegenwert von etlichen Terabyte speichern kann, nicht auch noch die Feiertage für die nächsten 400 Jahre speichern können soll, die heute jeder Palm auswendig hersagen kann. Ich stellte aber eine viel naheliegendere Frage: "Wenn sich die Lieferung der Bilder durch den Feiertag um einen Tag verzögert haben sollte, müssten sie trotzdem da sein, denn die Lieferung war für den 29. angekündigt, heute ist aber schon der 30." Auch darauf wusste der coole DM-Kollege eine Antwort: "Ja, aber die Bilder werden oft erst um 15:00 Uhr angeliefert." Mag sein, aber irgendwie könnte man ja aus der Formulierung "Die Bilder liegen am 29. Mai in "Ihrem" DM-Markt für Sie zur Abholung bereit" herauslesen, dass man mit Ladenöffnung an diesem Tag, einen fröhlichen Gruß auf den Lippen, das Ladenlokal betreten und die sehnsüchtig in den Regalen lauernden Fotos einsacken können müsste. Denn sonst hätte der Automat ja gleich informieren können "am 29. Mai ab 15:00 Uhr oder so". Auf meinen Vorschlag, den Automaten doch einfach künftig drucken zu lassen: "Die Bilder kommen in drei Tagen, wenn Feiertage dazwischen liegen sollten entsprechend später - auf jeden Fall aber nicht vor 15:00 Uhr" meinte der Marktleiter, zu dem ich inzwischen vorgedrungen war, das könne er nicht, denn das mache die Fotofirma. Mit der Fotofirma sprechen kann er wahrscheinlich auch nicht. Also habe ich ihm angeboten, dass ich einfach immer wieder mal einen Zettel an den Automaten klebe: "Kunden! Glaubt bloß nicht, dass Ihr Eure Bilder am angegeben Tag vor 15:00 Uhr bekommt." Wollte er auch nicht. Mache ich aber wohl trotzdem. Fazit: Künstliche Intelligenz im Fotoautomaten hilft nicht, wenn das Servicepersonal von natürlicher Dummheit gesegnet ist.
Falls jemand einen Fotoladen weiß, der Bilder so ungefähr entsprechend seiner Vorraussagen liefert, bitte ich um ladungsfähige Anschrift!
Vierte Maiwoche:
Gleich mit auf die Abschussliste kommt auch der Pritt Fotokleber. Früher war in diesen Pritt-Stiften recht viel Klebstoff drin. Und unten war ein kleines Rädchen dran, mit dem man den Klebstoff praktisch immer weiter nach oben drehen konnte. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Rädchen dann so langsam ein Rad, das immer breiter und breiter wurde. So spart man Klebstoff. Also jetzt nicht der Kunde, sondern der Hersteller. Inzwischen nimmt das Rad beim Pritt-Fotokleber schon so etwa ein Drittel der Höhe des Klebestifts ein. Und oberhalb des Rads ist noch immer kein Klebstoff, sondern der Stift innen auch noch zwei Zentimeter tief ausgehöhlt. Welchem Zweck dient diese Höhle eigentlich, lieber Pritt-Hersteller? Insgesamt ist das Röhrchen nur noch halb voll. Dafür klebt das Zeug nicht besonders gut und kostet es fröhliche drei Euro. Kaufe ich nicht mehr.
Ebenfalls auf der roten Liste: Die Bonuspunkte von Shell. Die habe ich mal gesammelt. Denn für 10.000 Punkte sollte es einen stattlichen Fernseher geben. Nach einem Jahr hatte ich rund 2.000 Bonuspunkte zusammen. Denselben Fernseher gab es im Prämienheft auch noch immer, er kostete jetzt aber schon 13.000 Bonuspunkte und war demnach weiter weg als zu Beginn meiner Sammelaktion. Noch ein Jahr später kostete er schon 19.000 Bonuspunkte. Dafür wurde plötzlich mitgeteilt, dass die Punkte nach drei Jahren verfallen sollten. Zusammen mit jeder Hoffnung auf den Fernseher. Wer also glaubt, bei Shell an einer der attraktiveren Prämien kommen zu können, der kann auch gleich bei den Buchstabenverkäufern von 9live anrufen. Ich kaufe jetzt ganz gezielt nicht mehr bei Shell.
Fünfte Maiwoche:
Dopingskandal bei Team Telekom. Ist aber auch ein Skandal, dass bei so systematischem Doping nicht mehr Toursiege herausgesprungen sind. Und was bin ich froh, dass Jan Ullrich nicht auch gedopt hat. Nach dem Geständnis von Rijs ist Ulle ja jetzt nachträglich auch zumindest moralischer Toursieger 1996 geworden. Denn da war er ja Zweiter hinter dem gedopten Rijs. Wer übrigens bislang geglaubt hatte, dass bei Team Telekom nicht gedopt worden ist, der kann auch gleich Shell-Bonuspunkte sammeln - oder bei 9live anrufen. Leute, sind wir doch mal realistisch: Da wird nach dem Zerfall der DDR ein Radsportteam aufgebaut, das fast ausschließlich aus Ossis besteht. Die haben auch noch Erfolg. Erstens wäre es völlig unvorstellbar, dass all die Ossis plötzlich bloß wegen der Wende das Dopen aufgeben. Und zweitens haben Ossis ohne Doping sowieso nix auf der Pfanne. Konnte man doch dran fühlen.
A propos Ossis. In Heiligendamm machen die ja wieder, was sie am besten können. Eine Mauer bauen. Und gleichzeitig wird auch die gute alte Stasi-Geruchsprobe wiederbelebt. Ich fände ja, dass es Verschwendung wäre, diese teure Mauer nach dem Gipfel einfach wieder abzureißen. Man könnte doch eine neue kleine Zone gründen. Geleitet vielleicht von Lafo und Gysi. Als erste neue Einwohner würden wir das Team Telekom dort ansiedeln. Unter ebenso strengen Dopingkontrollen wie Astana in Kasachstan könnten die dann da "trainieren".
Ach ja, eine tolle überflüssige Frau des Monats habe ich noch im Angebot. Die stand Mitte Mai vor dem hochmodernen und nicht eben billigen Hotel Splendid zu Budva an der montenegrinischen Adria. Rock kaum breiter als ein Gürtel, dazu ein knappes Top, ein eifrig geschwenktes knallrotes Handtäschchen und Wildleder-Cowboystiefel. Ich war überrascht, in Montenegro plötzlich einen Straßenstrich vorzufinden. So ging es wohl auch einem Hotelgast aus dem flämischen Sprachraum, der auf die Dame zuging, "how much?" fragte und sich fast eine mit dem Handtäschchen gefangen hätte. Schnell stellte sich heraus, dass es sich keineswegs um eine "Dame" des Gewerbes handelte, sondern um eine Russin, die sich modern gekleidet wähnte. Liebe Russen, wenn Ihr in zivilisierte Länder fahrt, denkt einfach dran, dass die Frauen, die Ihr in manchen Schimanski-Filmen aus den Achtzigern seht, keineswegs auf dem aktuellen Stand der westeuropäischen Mode sind. Sonst werden auch Euren Frauen zu: überflüssigen Frauen des Monats.
P.S. Zum 1. Juni 2007 erklärt Nick Igel seinen feierlichen Austritt aus der EU.
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