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Das Kulturtagebuch
Nick Igels kleiner Kanada-Reiseführer

Erste Grundregel für einen erfolgreichen Kanada-Urlaub:
Nicht über London anreisen! Der dortige Sicherheitscheck liegt von der Interventionsschwelle her nur unwesentlich unterhalb einer Darmspiegelung. Dabei waren mein Gepäck und ich doch eigentlich schon in Düsseldorf auf Herz, Nieren und sonstige innere Organe überprüft worden. Warum noch ein Check? Wenn die Düsseldorfer Security gut genug ist, dass ich von dort aus in London landen darf, müsste sie doch auch gut genug sein, dass ich ohne weitere Kontrolle den Flug fortsetzen darf? Oder glauben die Londoner, dass man ihre Stadt nur mit Flugzeugen terroristisch angreifen kann, die von London abfliegen, nicht aber mit solchen, die - zum Beispiel aus Düsseldorf - in London landen?

Zweite Grundregel für einen erfolgreichen Kanada-Urlaub:
Essen aus Deutschland mitbringen! Wer in Kanada seinen Teller leer isst, kann sich anschließend darin cholesterinspiegeln. Soll heißen: Das Essen ist fett. Oder umgekehrt: Für den Kanadier ist Fett Essen. Zum Glück gibt es einige Reservate, in denen garantiert deutsche, gesunde Ernährung möglich ist. Zum Beispiel im "Rathskeller" zu Victoria, einem "Original German Schnitzel Haus".



Dort speist man so vorzüglich, dass selbst die große deutsche Prominenz schon vor Ort war. Heino zum Beispiel. Und auch kulturell wird einiges geboten. Deutsche Volksmusik etwa, in Kanada vereinfachend, onomatopoetisch jedoch korrekt "om-pa-pa" betitelt:



Dritte Grundregel für einen erfolgreichen Kanada-Urlaub:
Sich anpassen! Das gilt gerade auch dann, wenn man sich in den Gebieten der "First Nation" bewegt. Mit anderen Worten: Eine Grundausbildung im Komasaufen sollte man schon mitbringen. Denn die "First Nation" - das ist der politisch korrekte Begriff für die Mischung aus Indianern und Eskimos, die den Eingeborenenbestand Kanadas ausmacht - müsste eigentlich "Thirst Nation" heißen. Kaum möglich, einmal einen Roten zu treffen, der nicht tiefblau wäre.


Am Totem - Nick Igel bei der Thirst Nation



Immer wieder rührend zu beobachten, wie die Indianer die gute alte Tradition des Trommelns am Leben erhalten. Zum Beispiel morgens um 10:30 Uhr auf die Tür des Liquor-Stores, der planmäßig erst um 11:00 Uhr öffnet. Da sind sie dann alle versammelt: Häuptling Drunken Moose (dt. Blauer Bock), Burping Buffalo, der Medizinmann, und der wackere Krieger Eructing Elk. Stramm wie eine Kesselpauke und voll wie das Flüchtlingsboot vor der Küste des Senegal.


Man spricht Deutsch: Gerberei der Thirst Nation



Dabei bewegt sich der Stoff, den sich der moderne Thirstnational von heute hineinpfeift, am Rande der Körperverletzung. In Kanada werden alkoholische Getränke mit so hohen Steuern belegt, dass die Einheimischen sich beispielsweise ihren Wein zu immer größeren Prozentsätzen aus so genannten "home brewing kits" selbst zusammenrühren. Lobend erwähnt sei hier etwa die Firma "Wineexpert", die solche Kits gleich reihenweise verkloppt. Da gibt es Riesling Piesporter Style, Riesling Johannisberg Style oder auch den Montagnac Vieux Chateau d´Oc. Wie man das ausspricht, ist im Prospekt zum Glück auch gleich vermerkt: "Monh-tanh-yak". Im Kit ist Traubensaftkonzentrat aus dem Languedoc-Roussillon ("lang-dock roo-see-onh") sowie ein Päckchen Hefe. Das rührt man zusammen, gibt Leitungswasser drauf und lässt das Ganze sechs Wochen gären - fertig ist der Wein. Der sogar Preise gewonnen hat, wurde ich im einschlägigen Fachhandel informiert. Auf meinen offenbar höchst ungläubigen Gesichtsausdruck hin wurde dann allerdings eingeschränkt: "nur bei home-brewnig contests, also im Vergleich zu anderen Selbstgebrauten". Damit das Ganze schön nach Holzfassausbau schmeckt, sind im Traubensaftkonzentrat gleich schon 60 Gramm französische Eiche in Pulverform eingerührt.
Ach ja, und wem das Endprodukt nicht süß genug ist - kein Problem. Dafür gibt es den Wine Conditioner. Flüssiger Invertzucker, den man in den "finished wine" einrühren kann. Allerdings, so warnt die Packungsbeilage: "It is impossible to unsweeten wine once conditioner has been added." Also lieber vorsichtig dosieren! Was zugleich auch schon die vierte Grundregel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub war.



Fünfte Grundregel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Mit Sunwings fliegen! Für innerkanadische Flüge empfehle ich Sunwings Airlines. Da wird man schon mit dröhnender Musik an Bord empfangen. Der Vorstandsvorsitzende hat eine Platte aufgenommen, und die darf man sich beim Boarding anhören. "Come fly with me" und "Fly me to the moon" sind auch mit drauf. Einziger Wermutstropfen: Die Stewardessen hat man offenbar unter den Groupies rekrutiert. Das führt zu putzigen Ansagen: "Die heutige Reiseflughöhe beträgt 300 Meter!" Über den Bordfunk konnte man regelrecht mithören, wie eine der anderen Stewardessen der Ansagerin in die Rippen stieß. Woraufhin korrigiert wurde "äääh 300 Fuß". Ist klar. Interessant fand ich auch, dass wir so lange angeschnallt sitzen bleiben sollen, bis die endgültige Parkposition das Flugzeug erreicht haben würde. Ob die Stewardessen Angehörige der Thirst Nation und bei solchen Ansagen schon ordentlich betankt sind?


Sechste Grundregel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Vorsicht vor wilden Tieren! Ein Ranger im Nationalpark warnte eindringlich vor zu engem Kontakt mit der Fauna. Die gefährlichsten Tiere seien dabei nicht etwa die Bären oder die Pumas, sondern vielmehr die Eich- und Streifenhörnchen. Die zutraulich seien, dann aber zubissen und ansteckende Krankheiten übertrügen. Und überhaupt sei die Euphorie für Eichhörnchen nicht zu verstehen. Das seien ja im Grunde nur Ratten mit buschigeren Schwänzen. Ich habe ihn darüber aufgeklärt, dass man die Sache ja durchaus auch umkehrt betrachten und vielleicht etwas mehr Zuneigung für Ratten aufbringen könnte, so man diese nur als Eichhörnchen mit weniger buschigem Schwanz betrachtete. Als "Kanalhörnchen" quasi.


Völlig ungefährlich: Ein Bär



Wie dem auch sei, als am nächsten Tage auf einem Trail durch die Rocky Mountains plötzlich ein Bär vor mir stand, war ich heilfroh. "Was für ein Glück, nur ein Bär", dachte ich, "da hätte ja jetzt auch eines von diesen brandgefährlichen Eichhörnchen stehen können." Oder ein Streifenhörnchen. Aber die waren wahrscheinlich gerade unterwegs, irgendwo Elche reißen.


Nick Igel (Mitte vorn) und Frau (links) auf Bootstour in den Rockys. Der Elch (rechts) ist völlig harmlos.Zumal es ihn gar nicht gibt, vgl. unten. Dagegen ist Ute, das Streifenhörnchen (Mitte hinten), brandgefährlich



Siebte Grundregel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Es gibt keine Elche! Es ist höchste Zeit an dieser Stelle einmal mit der Legende von den Elchen aufzuräumen. Hier gibt es eine Art Weltverschwörung, die dem harmlosen Bürger durch Fotomontagen, zumeist Bilder von Pferden mit Pappmaché-Geweihen, weiszumachen versuchen, es gäbe die Tierart Elch. Daimler-Chrysler hat diesen Scherz mit dem berühmten Elchtest seinerzeit auf die Spitze getrieben. Auch die ständigen Schilder mit Warnungen vor kreuzenden Elchen an Kanadas Straßen sind als Running Gag zu verstehen. Es gibt keine Elche! Schon gar nicht in Kanada! Mir ist dort schließlich im ganzen Juli keiner begegnet. Die ständige, selbst wissenschaftliche Behauptung der Existenz von Elchen macht diese auch nicht lebendiger. Schließlich steht selbst die Steinlaus im Pschyrembel. Nein, Elche sind - ebenso wie Wolpertinger, das Ungeheuer von Loch Ness und Steinläuse - in freier Wildbahn nur in Molwanien anzutreffen. Von wo auch der Zwergelch auf obigem Foto nach Kanada importiert worden ist.


Nick Igel in Toronto



Achte Grundregel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Im Zweifel lieber noch einmal nachfragen! Gerade auch in Frauenangelegenheiten. Die scheinen in Kanada besonders wichtig zu sein. So erzählte die Emanze, die mich in Ottawa durch das Parlament führte, dauernd, wann die erste Frau ins Oberhaus berufen, wann die erste Frau ins Unterhaus gewählt, wann die erste Frau zur Ausschussvorsitzenden ernannt worden sei etc. Zur Sicherheit fragte ich noch nach: "Und wann musste die erste Frau wegen Korruption im Amt zurücktreten?" Ähnlich ging es mit der Thirst Nation. Dann und dann wurde der erste Indianer ins Oberhaus gewählt, dann und dann der erste Eskimo ins Unterhaus. Aha. Und wann machte das erste Wirtshaus im kanadischen Parlament auf? Muss kurz danach gewesen sein!


Einfach wie zuhause fühlen
Hotel Alpenrose in den Rocky Mountains



Neunte Regel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Takt zeigen und bescheiden bleiben! Bei Führungen und Exkursionen hat es der Kanadier gerne persönlich. Ranger und Guide fragen ihre Gäste fast immer, aus welchem Land sie stammen. Gerade wir Mitteleuropäer sollten uns angesichts der nicht immer rühmlichen Kolonialvergangenheit zurückhaltend zeigen, um unsere Gegenüber nicht in Verlegenheit zu bringen. Ich habe auf das freundliche "and where are you from?" stets mit einem fröhlichen "my name is Patrick Bateman and I am from Kazachstan" reagiert. Ein Hauch von Borat, das lockert auf.
So gelang es mir auch, die Freundschaft vom "Captain Martin" zu gewinnen. Ein Fischer aus dem Norden Kanadas, irgendwo kurz vor Alaska beheimatet. Ich traf ihn auf der Fähre von Prince Rupert nach Port Hardy. Wo der Captain (wie ihn seine Freunde nennen dürfen, also nach dreißig Sekunden auch ich) schon morgens um 9:00 Uhr das Schiffsuntergangsspiel spielte - sich langsam volllaufen lassen. Obwohl, so langsam eigentlich gar nicht. Der Mann muss Vorfahren aus der Thirst Nation haben. Tja, à propos Schiffsuntergang, der Captain erzählte mir noch, dass die Fähre, die bis zum vergangenen Jahr die Route befahren habe, gesunken sei. Weil, so wollten es die Gerüchte, der Kommandant, durch oralen Geschlechtsverkehr abgelenkt, gegen eine Klippe gerauscht sei. Natürlich hat Captain Martin das etwas drastischer formuliert - "he just got a blow job when she went down. I mean, nice if you get your dick sucked, but a pity if two other people die when the ship goes down." Diese offene Sprache ist sicher einer der Aspekte, mit denen Kanada in der Tourismuswerbung besonders punkten kann. Gerade wenn es darum geht, kasachische Touristen einzuwerben.


Nick Igel am Hafen von Vancouver



Zehnte Regel für einen erfolgreichen Kanadaurlaub:
Niemals irgendwohin gehen, immer fahren! Das gilt insbesondere für drive-in-Schalter. Als ich in Vancouver am späten Abend vom Hotel zum drive-in-Schalter des benachbarten Burgerking spaziert, wurde mir beschieden, Fußgänger bediene man an diesem Schalter nicht. Das bringe nur alles und alle durcheinander. Ich wies noch höflich darauf hin, dass andere Kunden, mit denen ich durcheinandergebracht werden könnte, um diese Zeit gar nicht mehr vorhanden seien - sieht man von den Kanalhörnchen ab, die neben mir friedlich von den weggeworfenen Burgern ästen. Auch seien alle anderen Schalter nachts ja geschlossen, so dass ich nur am drive-in-Schalter bedient werden könne. Ja, schon, aber dann müsse ich eben mit dem Wagen wieder kommen, war die Antwort. Da ist eben der Burger und nicht der Kunde König. Und Fast Food war wieder einmal nur "fast Essen". Ob die alle aus Vancouvers Konservatorium kommen? Vom Namen her könnte es passen…



Ein Monat Kanada ist schnell herum. Dann fragt man sich: Was war eigentlich inzwischen in Deutschland los? Na ja, die öffentlich-verächtlichen Fernsehanstalten haben ihr Experiment mit den Tour de France-Moderatoren dann doch noch abgebrochen. Mit hehrer Geste und einem heldenhaften "von deutschem Boden soll nie wieder eine Tour de France (dt. Frankreichfeldzug) ausgehen". Diese Parodie auf eine Sportveranstaltung können und wollen die Öffentlichen nun nicht mehr unterstützen. Wahrscheinlich ist nicht nur über Gebühr gedopt worden, sondern auch über Gebühren. Und damit das munter weiter geht, haben ARD und ZDF die Übertragungsrechte nicht etwa ruhen lassen, sondern diese einfach an SAT 1 weiterverscheuert. Wenn man die Kasse klingeln lassen und mit dem dreckigen Sport doch noch etwas Geld verdienen kann, ist das offenbar wichtiger als die edlen Prinzipien. Das hat auch die Firma Alpecin verstanden. Die die ganze Geschichte einfach zu ihren Gunsten umdrehte und in den Werbepausen auf Eurosport und SAT 1 ihre Produkte fröhlich als "Doping für die Haare" anpries. Ehrenoskar!

Wo wir gerade von Doping sprechen: Professor Franke hat herausgefunden, dass in den Neunzigern nicht nur die Fahrer des Teams Telekom, sondern auch der Kurs der T-Aktie gedopt war. Ron Sommer und Manfred Krug müssen jetzt jeweils ein Jahresgehalt an die Aktionäre erstatten.

Und wo wir gerade von den Fernsehgebühren sprachen: Heino ist offenbar von seinem Trip ins Original German Schnitzel Haus wohlbehalten zurück und fordert gleich einmal zum Gebühren-Boykott auf. Nachdem das ZDF die "lästigen Musikanten" abgesetzt, Ditze Heck abserviert und die "Zauberwelt der Berge" auf einen ungünstigen Sendeplatz verbannt habe, solle jeder Zuschauer zur Strafe seinen GEZ-Beitrag um einen Euro kürzen. Mache ich. Und dann ziehe ich noch meinen Anteil an den Tour de France-Übertragungsrechten der letzten zehn Jahre ab, außerdem meinen Anteil an den Produktionskosten der Vorabendserien. Für jede Sensationsheischerei in den Politmagazinen rechne ich ebenfalls jeweils einen Euro ab, ebenso wie für alle Auftritte von Gottschalk, Stumph, Lippert und natürlich auch Heino. So sollte am Ende des Monats ein recht ansehnlicher Betrag zustande kommen. Wahrscheinlich kriege ich sogar noch etwas raus. GEZ, bitte überweisen Sie auf das bekannte Konto.

Überflüssige Frau des Monats ist demnach: Die GEZ! Glückwunsch!

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