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Das Kulturtagebuch
Nick Igel in Lourdes und sonstwo in Spanien

Erste Augustwoche - Nick Igel in Lourdes
Die Älteren werden sich erinnern, früher, als Stefan Raab noch ansatzweise lustig war, da setzte er sich immer wieder seltsamen Torturen aus. "Raab in Gefahr" nannte er das, wenn er in der Cessna mit einem Kunstflugartisten unterwegs war, mit Rüdiger Nehberg im Moor tauchte oder als Gaststar bei den lästigen Musikanten auftrat. Gefahr? Na ja? Richtige Abenteuer sehen anders aus. Einer der letzten Herausforderungen der Neuzeit habe ich mich in diesem Monat mit Todesverachtung gestellt - einem Besuch in Lourdes! Schließlich habe mit Joseph Hader das gemeinsame Hobby Marienerscheinungen vorzutäuschen - und ich dachte, das könnte man vor Ort in der Grotte von Lourdes am besten.

Nick Igel in Lourdes


Die Gefahr resultiert in diesem Zusammenhang vor allem aus der erstaunlichen Humorlosigkeit der Lourdes-Pilger. Die treffen sich vorzugsweise an den Brunnen, wo sie das Wasser aus der "heiligen" Quelle von Lourdes trinken oder auf Flaschen füllen können. Die meisten dieser Flaschen stammen übrigens aus den höchstens viertausend Souvenir- und Religionskitschläden des Städtchens am Fuße der Pyrenäen. Und sind wie die überall sinnlos herumstehenden Marienstatuen geformt. Aber das nur am Rande. Wie gesagt, ich wollte eigentlich nur ganz harmlos ein wenig mit den Pilgern Konversation machen. Und dachte mir, da fängst Du unverfänglich mit der Frage an, warum es in Lourdes eigentlich so viele Reliquienhändler und so wenige Schuhgeschäfte gibt. Denn wenn da jeden Tag ein paar hundert Gelähmte wieder mit dem Laufen anfangen, dann brauchen die doch als erstes was? Na klar, Schuhe! Und keine Rosenkränze oder bunt blinkende Bernadettefigürchen. Humorloses Pack, diese Pilger, das gab nicht einen einzigen Lacher. "Tumorloses Pack", hätte ich fast geschrieben, aber das passt hier nun wirklich nicht.

Nun gut, ich habe nicht aufgegeben, und mich erst einmal am Zapfhahn aufgebaut, mit Edelstahlmixer, Eiswürfeln, O-Saft und Campari. "Ich mixe Euch da mal was", bot ich den Pilgern fröhlich an, "auf einen Teil Heilwasser nimmt man drei Teile O-Saft und einen Teil Campari - letzteren eigentlich nur für die Farbe, wir wollen uns ja nicht betrinken, oder? Das nennt man dann übrigens den Bernadette Sunrise!" Ein wenig geschüttelt (nicht gerührt), ein wenig den Shaker durch die Luft geschleudert wie Tom Cruise, der alte Scientologe, in Tequila Sunrise und schon waren die Drinks fertig. Wollte aber irgendwie keiner haben. Auch als ich angeboten habe, das Heilwasser mit Tomatensaft und Wodka aufzumixen, absolutes Desinteresse! Unfassbar, dabei wäre das eine prima Bloody Mary für diese Marienflaschen gewesen. Ich gebe aber so schnell nicht auf und fragte deswegen weiter: "Hey Jungs, nehmt Ihr eigentlich lieber ein oder zwei Oliven in Eurer Heilwasser? Oder vielleicht ein paar Erdnüsse dazu?" Irgendwie hatte ich an der Stelle schon das Gefühl, eventuell an diesem Tag Dresche bekommen zu können. Also habe ich mal einen etwas rustikaleren Ansatz getestet: Einen großen Krug Heilwasser in die Hand und "Eiiiiiimersaufen, auf geht's jetzt, alle auf Ex!!!" gebrüllt. Den Humpen auch wirklich hinunter gezwungen und einen formidablen Rülpser gelassen. "Wohlsein!", meinte ich dann noch und: "jetzt gehen wir mal ein paar von diesen heißen Schwestern klar machen, die hier alle herumstreunen. Die wollen es doch nicht anders. Ich bin schließlich Ordensmann vom Orden wider den tierischen Ernst." An der Stelle traf mich eine Tomate am Hinterkopf, offenbar wollte mir jemand Zutaten für die Bloody Mary zureichen. Sowas spornt ja unheimlich an. Ich bat prompt eine deutsche Pilgergruppe mit mir den Stimmungsklassiker "Einer geht noch, einer geht noch rein" anzustimmen. Die waren in Begleitung eines Laienbruders, der in recht penetranter Weise versuchte, mich von der Quelle wegzudrängen. "Trink, trink, Brüderlein, trink", versuchte ich ihn singend zu besänftigen. Zwecklos. "Nach EU-Recht müssen wir den Bumms hier jetzt sowieso dict machen, Euer Highlichkeit," erklärte ich dem verdutzten Mann, da ist ja nicht einmal angegeben, ob die Plempe für die Zubereitung von Babynahrung geeignet ist." Kann man es sich vorstellen, der Kerl hat den Prior gerufen und schon hatte ich Haus- und Quellverbot. Offenbar hatte die Marienstatue schon erste Igelerscheinungen. Und die Amtskirche wenig Verständnis für das Europäische Lebensmittelrecht.

Betrug: Madonnenstatue täuscht Igelerscheinungen vor!


Na, ich bin dann noch ein wenig bei den Reliquienläden herumgestreunt und habe versucht, die Inhaber von einer neuen Geschäftsidee zu überzeugen. Nachdem es schon Kerzen in Marienform, Wasserflaschen in Marienform, Uhren in Marienform, Fächer in Marienform und Marienstatuen in Marienform gibt, wäre doch ein Vibrator in Marienform eine prima Ergänzung gewesen, oder? Zumal da in Lourdes viel alleinstehende Frauen in nicht gerade modischen Ordenstrachten herumlaufen. Da die alleinstehenden Herren größtenteils Frauenkleider tragen und zweitens - deswegen? - wie erwähnt wenig Lust haben, die "Schwestern klar zu machen" müsste der Bedarf doch enorm sein, oder? Kaum glaublich, statt eines vollen Auftragsbuches habe ich lediglich Prellungen dritten Grades mit zurück gebracht.

Rosenkranzpalast: Madonnenstatuen en gros und en detail


Zweite Augustwoche - Nick Igel auf dem Teutonengrill
Also weiter nach Spanien. Ich dachte, ich besuche mal ein paar Rentner in Alicante im Altenheim, dann kann ich den kompletten Urlaub als private Dienstreise oder dienstliche Privatreise (Details bitte im Bundesgesundheitsministerium erfragen) von meiner Redaktion bezahlen lassen. Oder wenigstens steuerlich absetzen. Was bei den Regelsätzen pro Entfernungskilometer schon ganz ordentliches Geld zusammenbringt. So dass man sich dann auch ein anständiges Abendessen leisten kann. Zum Beispiel bei Ferran Adria, dem berühmten Molekularkoch in dessen Nobelrestaurant "El Bulli"

Nick Igel bei El Bulli


Allerdings musste ich vor Ort dann doch feststellen, dass es die Spanier an der Mittelmeerküste inzwischen mit der Molekular- und Experimentalküche etwas zu weit treiben. Die haben da zum Glück überall deutsche Speisekarten, so dass ich mein Altkastilisch nicht überstrapazieren musste. Manches erschließt sich aber selbst auf Deutsch nicht. Was bitte ist "Spurtet von den Pasteten"? Oder "Spurtet von den Käsen?" Und ist bei den spurtenden Käsen auch der "abgetrocknete Ziegenkäse" dabei?

Jetzt aber schnell! Spurtet von den Pasteten!


Na gut, irgendwann bin ich dann drauf gekommen. Spurtet ist offenbar ein "Sortiment". Schwieriger war dann schon die nächste Nuss, die man mir zu knacken gab: "Spurted von den Einlegearbeiten!"

Einlegearbeiten?


Ein Sortiment von Einlegearbeiten? Intarsien? Das könnte hart werden. Es hat ja nicht jeder ein Gebiss wie der "Beißer" aus Moonraker. Und wie schmecken Einlegearbeiten überhaupt? Welche Sauce gibt es dazu? Welche Beilagen? Oder handelt es sich vielleicht um Eingelegtes? Schwierig, schwierig.

Und das waren bisher nur die Vorspeisen und Imbisse. Noch schlimmere Zumutungen hält die Liste der Hauptgerichte bereit. Da gibt es "Grünen Spargel zur Phasenkohle". Phasenkohle habe ich gleich einmal gegoogelt. Und festgestellt, dass das ein nahezu ausschließlich in Spanien verwendetes deutsches Wort zu sein scheint. Siehe auch hier.
Deswegen weiß man aber noch lange nicht, was "Phasenkohle" ist. Hier wäre ich der geneigten Leserschaft für Erleuchtung dankbar. Falls mir einer gleich auch noch den Unterschied zwischen Spargel und Espargel (Elektrospargel statt altmodischer kohlebetriebener Spargel?) erläutern könnte, würde mich das sehr freuen!

Phasenkohle? Phrasenkohle?


Fluchtartig verließ ich das gastliche Haus. Nur um nebenan vor weitere Rätsel gestellt zu werden:

Zurück vom Lamm


Der Arbeitsauftrag: "Schenkel der Ente brat mit Beilage" wäre ja noch umzusetzen gewesen. Auch wenn das im "brat" zum Ausdruck kommende vertrauliche Du unangebracht erscheint und man angesichts unterschiedlicher Garzeiten küchentechnisch hinterfragen könnte, ob die Beilage wirklich mit dem Entenschenkel gebraten werden muss. Aber "Zurück vom Lamm braten Sie mit Beilage"? Nun plötzlich wieder das förmliche Sie? Und was heißt "Zurück vom Lamm"? Wer oder was kommt da zurück?

Dritte Augustwoche - Nick Igel in Barzel-ona und Bilbao
Barcelona heißt ja eigentlich Barzel-ona. Jedenfalls bei allen deutschen Sportreportern - die damit nicht wirklich zum Ausdruck bringen wollen, dass die Stadt nach dem ehemaligen CDU-Vorsitzenden Rainer Candidus Barzel benannt worden wäre. Unsere Wontorras und Mohrens sind, so sie denn nicht gerade einsitzen, vor dem Mikro einfach nur nicht in der Lage, einfachste Ausspracheübungen im Altkastilianischen zu absolvieren. Ist im Englischen, wo die berühmte Senta Court ja bei nahezu jedem Tennisspiel mitmischt, oder im Französischen kaum anders. Die Cedille unter dem C von François zum Beispiel werden die meisten kaum kennen. Und François deswegen aussprechen wie es Altkanzler Kohl bei "meinem Freund, dem französischen Präsidenten, Franzwa Midderant" seinerzeit tat. Sportreporter halten die Cedille wahrscheinlich ohnehin nur für eine besonders raffinierte Sauerei im Puff von Barzel-ona, in den laut Volkslied ja immer alle fahren wollen. Gerade Sportreporter sind ja dafür bekannt, bei der soziokulturellen Hintergrundrecherche zu ihrer Berichterstattung gerne auch einmal im Rotlichtmilieu zu forschen, nicht wahr, Herr Töpperwien?

Sagrada Familia: Nick Igel als Gaudi-Bursch in Barzel-ona


Aber ehe es mit der Sprache zu schlimm wird, fahre ich lieber gleich weiter nach Bilbao. Das kann sogar Jupp Heynckes aussprechen. So gut, dass er dort sogar trainieren durfte. Seitdem wird man als Deutscher allerdings kaum noch in die Stadt gelassen. Ich wollte ja nur schnell das neue Guggenheim-Museum besuchen. Das klingt erst einmal so, als wären sächsische Sportreporter dagewesen. Heißt aber tatsächlich so. Die Architekten könnten allerdings aus Sachsen stammen, denn das Ding ist komplett schief. Außerdem gibt es jede Menge Ungeziefer. Direkt vor dem Museum läuft eine riesige Spinne herum.

Gugg an, Nick Igel in Bilbao


Aber nicht nur die Spinnen streunen in Spanien, auch die Spermien tun das. Im Hotelpool! Behauptete jedenfalls eine Polin. Ihre dreizehnjährige Tochter war schwanger aus dem Spanienurlaub zurückgekommen. Und da die Tochter, das stand für die aufgebrachte Mutter fest, natürlich niemals vorehelichen Verkehr hätte haben können oder gar wollen, muss die Schwangerschaft durch im Hotelpool herumstreunende Spermien verursacht worden sein. Die Klage gegen den Reiseveranstalter wurde allerdings abgewiesen. Ebenso wie die Klage eines britischen Rentners, der seine Reisegepäckversicherung in Anspruch nehmen wollte, nachdem ihm bei einer Kreuzfahrt vor den Balearen das Gebiss aus dem Mund und über die Reling gefallen war.


Vierte Augustwoche und Anfang September - Nick Igel im Wahlkampf
Zurück in Deutschland und auch hier geht es dauernd nur um den guten alten Geschlechtsverkehr. Otti Fischer etwa soll von vier Huren um 32.000 Euro betrogen worden sein. Zunächst einmal finde ich es sehr rücksichtsvoll, dass der gute Mann sich auf vier Damen verteilen wollte. Und auch den Tarif finde ich angemessen, die werden nach Gewicht berechnet haben. Also, wo soll da der Betrug sein?

Eine gehobene Art von Prostitution dann auch im "großen" Spitzenkandidatenduell. Selten haben sich Politiker einander derart angebiedert. Man muss fast den Verdacht haben, dass die beiden sich nach Abschalten der Kameras mit Zungenkuss voneinander verabschiedet haben. Oder gar mit einander ins Hotel verschwunden sind.

Und noch ein Ärgernis: Seit dem 1. September sind jetzt also tatsächlich die Glühbirnen verboten. Also jedenfalls die für echte Männer, 150 Watt und 100 Watt. Die muss ich jetzt in der Schweiz kaufen. Was das allein wieder an Sprit kostet. Wirklich super, die ökologische Lenkungswirkung! Das alles nur, weil die Glühbirnen mehr Wärme als Licht erzeugen. Ich frage mich, wann endlich einer unserer dussligen Händler auf die Idee kommt, Glühbirnen wieder ins Sortiment aufzunehmen. Und diese als "Heizungen" zu verramschen. Mir kommen jedenfalls keine Energiesparbirnen ins Haus. Voller Quecksilber, das nicht richtig entsorgt wird. Zumeist in China hergestellt und energieaufwendig nach Deutschland geflogen. Dabei noch nicht einmal langlebiger als die guten alten Glühbirnen. Und vor allem funzelig ohne Ende. Das ist ja als würde man Dr. Helmut Kohl (Birne) durch den naturtrüben Steinmeier ersetzen. Dabei war schon der dicke Helmut keine Leuchte.

Sommerinterview bei Dalis in Figueras:
Nick Igel im Gespräch mit der Bundeskanzlerin



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