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Das Kulturtagebuch
Hochbarock des privaten Hairweavings bei der Post

In diesem Monat wollen wir uns einmal unseren Freunden aus der Dienstleistungsbranche widmen! Und an wen denken wir in der Dienstleistungsbranche als erstes? Natürlich an unsere Lieben von der Post. Die hatten in diesem Monat wieder einmal eine ganz tolle Idee: Das Porto für alle Briefe, die nicht in weißen Kuverts verschickt werden, soll künftig auf 90 Cent angehoben werden. Näheres findet man zum Beispiel hier.

Interessant ist vor allem die Begründung. Die Maschinen in den Verteilzentren können angeblich die Adressen auf bunten Umschlägen nicht lesen. Wenn ich das richtig verstehe, sind diese Lesegeräte sowieso die einzigen, die bei der Post noch lesen können. Wenn da mal etwas "von Hand entziffert" werden muss, wie die Post das nennt, müssen offenbar immer gleich teure Consultants angeheuert werden. Könnte wohl wirklich so sein, denn auch die Briefträger heißen ja nicht etwa so, weil sie die Briefe tragen. Die haben für den Transport längst Autos. Vielmehr handelt es sich bei der Bezeichnung Briefträger um ein Kompositum aus Brief und dem Komparativ von "träge". Als kleiner Hinweis darauf, dass der Faktor Mensch bei der Post eher verlangsamende als beschleunigende Wirkung ausübt.

Wer das nicht glaubt, der muss nur einmal den Herrn Schimkoreit besuchen.

Den findet man auf dem Postamt Bonn. Das kann man ja heute so schreiben, weil es inzwischen in Bonn wohl nur noch ein Postamt gibt. Nicht wie früher, wo man immer die lästige Qual der Wahl hatte, ob man ins Postamt Beuel, ins Postamt Godesberg, ins Postamt Mehlem, ins Postamt Bonn Mitte, ins Postamt Lannesdorf oder ins Postamt Hardthöhe geht. Aber damals trank man ja auch noch Sechsämtertropfen, dafür habe ich auch lange keine Werbung mehr gesehen. Wahrscheinlich, weil es die sechs Ämter nicht mehr gibt.

Herr Schimkoreit steht also im Postamt Bonn-Mitte. Meistens am Schalter neben dem Schalter des "Vogelnestmannes". Der in Wahrheit natürlich anders heißt. Aber irgendwie mag ich mir die Namen der Schalterbesetzer bei der Post nur selten merken, Herr Schimkoreit belastet mein Hirn bereits und raubt mehr Speicherplatz als einer Institution wie der Post eigentlich insgesamt zustehen sollte. Zumal ich mir ja auch noch die Vorsitzende der Postgewerkschaft merken muss (Ursula Stempelt-Langsam). Und dann hat der Vogelnestmann ein Alleinstellungsmerkmal, das weitaus charakteristischer ist als es je ein Name sein könnte. Eben das "Vogelnest". Da denkt man erst an das Stadion von Peking, dann an ein Storchennest. So irgendwo dazwischen haut es hin, denn der Vogelnestmann trägt mittig auf dem Kopf eine "Frisur" vom Ausmaß mindestens eines Storchennests und höchstens eines Sportstadions. Auch ein wenig davon abhängig, wann er zuletzt beim Friseur war. Oder wieviel Haarspray gerade mal wieder Verwendung gefunden hat. Das besondere Charakteristikum dieser Frisur besteht daran, dass sie das wohl vollendetste Beispiel eines Versuchs zur Glatzenkaschierung durch Rundkämmung des verbliebenden Haupthaars darstellt. Hochbarock des privaten Hairweavings, könnte man sagen. Ein Klassiker, irgendwie sehr fünfzigerjahresk, weil auch Kleidung und Habitus eher rückwärtsgerichtet erscheinen (das ist nun allerdings corporate identity bei der Post) und weil, na ja, der Versuch, hier ernsthaft noch irgendwem einen vollen Haarschopf vorspiegeln zu wollen, irgendwie ein wenig naiv wirken mag. Wie vielleicht auch ganz generell eine solche Eitelkeit bei einem Sechzigjährigen, gefühlt Siebzigjährigen (zehn Jahre optischer Altersvorsprung sind ebenfalls Bestandteil der corporate identity der Post, die ist ihrer Zeit eben einfach voraus), mit komplett grauem Schopf eher putzig wirken mag. Und dann auch noch so ein Extremfall. Wissenschaftler vermuten, dass diese gesamte Frisur letztlich nur aus einem einzelnen Haar besteht. Das seit dem mittleren Pleistozän nicht mehr geschnitten worden ist und mittlerweile die Länge von rund vierzig Kilometern hat.

Aber das alles dient ja nur der Anfahrtsbeschreibung zu Herrn Schimkoreit. Funktioniert besser als jedes Navi. Der Vogelnestmann ist als "landmark" unübertroffen.

Und direkt daneben steht meistens der Herr Schimkoreit. Da muss man schon genau hinsehen, um den zu entdecken. Denn der steht so still, dass man ihn auch für einen Einrichtungsgegenstand halten könnte. Inzwischen gibt es so Zeug ja in modernen Einrichtungsläden. Aber da die Post niemals so modern wäre, neumodische Raumteiler aufzustellen, könnte man eigentlich drauf kommen, dass es doch ein Lebewesen sein muss. Wenn der nur nicht so verflucht still stünde!

So ganz leicht ist es nicht, ihn aus der Katatonie herauszuholen. So ein Kaltstart ist ja auch nicht gut für den Motor. Wenn also ein Kunde begriffen hat, dass er am Schimkoreit-Schalter eigentlich bedient werden könnte, sind zwingend einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Zum Beispiel darf man niemals gleich mit komplizierten Arbeitsaufträgen kommen. Das Gespräch mit "Ich hätte gerne eine Briefmarke zu 55 Cent" zu eröffnen, wäre ein kapitaler Fehler. Besser, man wirft erst einmal einen vorsichtigen Gruß der Tageszeit in den Raum, beispielsweise "guten Morgen!".

Dann ist zu beobachten, oder, nein, das ist schon übertrieben - besser müsste man sagen, für Mediziner und auf Postler spezialisierte Ethnologen an winzigsten Regungen in Mimik und Gestik abzulesen, wie Schimkoreit, den inneren Motor anwirft, gaaaaaanz sanft die Kupplung kommen lässt und nach kaum neunzig Sekunden ein erstes "Ääähm, ach so, guten Morgen" entgegnet. Das kann man jetzt gar nicht so langsam aufschreiben, wie es aus ihm herausbröselt. Aber man sollte schon Zeit mitgebracht haben - oder sich eben gleich beim Vogelnestmann anstellen.

Unser Schimkoreit ist dabei keineswegs pampig, mürrisch oder gar verärgert über die unbotmäßige Störung seines Winterschlafs (das Schimkoreit ist neben der Giraffe das einzige Säugetier, das auch im Stehen schlafen kann). Nein, der Kundenkonktakt als solcher ist ihm nicht unlieb, er ist gutwillig und im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr bemüht, das merkt man. Nur halt ein wenig langsam.

Nun hat die Post in ihrem Masterplan zur schrittweisen Aufgabe der Weltherrschaft ja bekanntlich eine geniale Idee entwickelt, wie man Kunden zur Konkurrenz treiben kann. Diese Idee, Vorgänge zu verkomplizieren, ist so wunderbar einfach, dass sie fast schon ein Widerspruch in sich selbst ist. Auf zwei Worte gebracht: DAS FORMULAR!

Irgendwie schon drollig. Jeder andere Laden wird unkomplizierter, wenn er privatisiert wird. Bei der Post ists umkehrt, nach der Privatisierung haben die bürokratisiert, dass es eine Lust ist. Früher bekam man so ein Zettelchen in den Briefkasten, dass da ein Paket für den Herrn Igel angekommen ist. Und dass man dieses unter Vorlage des Personalausweises bei einem der Postämter abholen könne. Man warf sich eine Flasche Sechsämtertropfen ein, nahm sich eine Stunde Zeit für die Schlange vor dem Schalter, kam irgendwann dran, legte den Perso hin, der Schalterzombie beäugte den Perso oberflächlich, verschwand in einer Gruft, keuchte kurz darauf - unter der Last des dreihundert Gramm schweren Päckchens schier zusammenbrechend - mit dem Paket aus seiner Gruft retour und an den Schalter heran. Man unterschrieb auf der Paketkarte, die dann vom Paket abgemacht wurde, schnappte sich das Paket und verzog sich zurück ins traute Heim zur nächsten Flasche Sechsämtertropfen. Man brauchte also nur eine Stunde Zeit für die Schlange, dreißig Sekunden am Schalter und zwei Flaschen Sechsämtertropfen um sich vorher auf das Niveau des Schalterzombies herab- und hinterher wieder auf humanoides Niveau heraufzutrinken.

Das war früher. Heute ist alles digitalisiert. Damit es effizienter geht. Das heißt man findet zwar noch das Zettelchen im Briefkasten und da steht auch noch der gleiche Hinweis drauf. Am Schalter geht es aber ganz anders zu: Erst einmal wird der Perso nicht beäugt, sondern eingesammelt. Dann wird die Nummer des Persos in DAS FORMULAR eingegeben. Irgendwie ein gutes Gefühl, wenn man weiß: Ja, die ist da schon mal drin. Wenn auch mehr im IT-System als im Formular, denn, das hat die Post schon geschafft, DAS FORMULAR ist digitalisiert. Allerdings bleibt die Personummer wohl nicht drin, in diesem IT-System, denn wenn man das Pech hat, bald wieder mal ein Paket abholen zu müssen, wird sie natürlich erneut eingegeben. Gut, die könnte man jetzt speichern, und dann nur noch checken, ists wieder der seltsame Herr Igel mit der bekannten Personummer, der schon wieder eine Lieferung aus Flensburg abholt? Macht man aber nicht. Wenn man die Nummer aber sowieso nicht speichert, warum gibt man sie dann ein - außer jetzt zur Effizienzsteigerung? Und damit ist es natürlich nicht getan, der Schalterinsasse wird nach der Eingabe der Personummer noch eine Vielzahl anderer, für den Kunden auf der anderen Seite nicht wirklich erkenn- oder gar nachvollziehbarer Daten in DAS FORMULAR eintippen.

Die Wissenschaft vertritt hierzu durchaus unterschiedliche Theorien. Während eine Mindermeinung vermutet, dass es sich um zwar zutreffende aber eigentlich für den Paketabholvorgang sinnlose An- und Eingaben handelt (Außentemperatur von 24 Grad Celsius, Dreiachtel Bewölkung, noch vierzehn Tage bis zum diesjährigen Welttoilettentag etc.) vertritt die herrschende Lehre die Auffassung, es handele sich um "Phantomeingaben" bzw. das Betätigen nahezu beliebiger Tastenfolgen. Für die herrschende Lehre spricht, dass sie zum einen die herrschende Leere in den Köpfen der Schalterinsassen berücksichtigt und dass zum anderen vor einigen Jahren eine interne Handlungsanweisung der frühbabylonischen Post publik wurde (Tafel von Rosette), aus der hervorgeht, dass der Schalterinsasse schon damals nur gehalten war, eine bestimmte Mindestanzahl von Keilschriftzeichen in den PG (Persönlicher Granitblock) einzuhacken, egal welche. Auch deswegen hat die Entschlüsselung der Keilschrift so lange gebraucht - vielfach waren die aufgefundenen Texte nur Phantomeinmeißelungen der frühbabylonischen Schalterbeamten und damit Vorläufer des FORMULARS. Da die Post ein Traditionsbetrieb ist, spricht viel dafür, dass diese Handlungsanweisung bis heute gültig geblieben ist.

Und da schließt sich der Kreis zum Schimkoreit. Während der normale Schalterinsasse nur eine gute halbe Stunde benötigt, um auf die vorgegebene Schriftzeichenanzahl zu kommen, kann es beim Schimkoreit schon einmal einige Tage dauern. Man stelle sich die Gestik von Otti Fischer in Zeitlupe vor - das ist der Schimkoreit im fast forward modus.

Für die lange Wartezeit wird man aber belohnt. Durch das glückliche, fast kindliche Lächeln, mit dem sich Schimkoreit, fast möchte ich ihn hier liebevoll "Schimmi" nennen, darüber freut, wenn alle Schalt(er)jahre lang doch mal ein solcher Vorgang abgeschlossen ist und er in die Gruft zu dem Paket "galoppieren" kann. Gut sicher, leicht verderbliche Waren sollte man sich bei ihm nicht abholen - und auch keine Geräte mit IT-Komponenten. Denn bis der PC ausgehändigt wird, ist der längst nicht mehr state of the art. Aber wenn man Zeit hat, ungefähr so viel Zeit wie der Typ in der Jack Daniels Werbung - dann kann man doch mal einen Abenteuerurlaub auf dem Postamt einlegen, oder?

Nicht dass die Konkurrenz besser wäre. Ich habe mit denen von UPS zum Beispiel auch schon viel Spaß gehabt - man kann nie die Filiale anrufen, wo das Paket liegt, das man abholen will, sondern muss eine zentrale Hotline für ganz Deutschland anwählen. Die hat den Vorteil, dass dort keiner irgendwas weiß, so dass anschließend die vollmundig angekündigten Lieferversuche unterbleiben oder auch Abmachungen, keinen neuen Lieferversuch zu machen, weil sowieso keiner zuhause ist, fröhlich ignoriert werden. Dann fährt man zu UPS hin, um sein Paket abzuholen, und erfährt, dass dieses parallel gerade zuhause "zugestellt" wird. Deswegen heißen die auch UPS, das ist eingedeutscht von ooops.

So hat jeder sein Päckchen zu tragen.

Gut, sicher, ich habe ja eigentlich versprochen, mich hier ganz allgemein den Dienstleistern zu widmen; und das war jetzt doch nur wieder der Postbereich. Dabei hätte es gerade in diesem Monat reichlich Anlass gegeben, sich zum Beispiel auch mal wieder mit der Bahn zu befassen. Aber man soll ja keine Behindertenwitze machen. Deswegen frage ich auch nicht, wieso da, wenn im Winter ganz überraschend der Winter einbricht, Züge einfrieren können, Weichen versagen, ganze Strecken stillgelegt werden müssen etc. Aber ich verleihe mal eben den Ehrenigel in Doppelplatin mit Rubinrand an den unbekannten Fahrgast, der, wie dpa meldet, am 2. Februar von der Bahnpolizei im Süddeutschen verhaftet worden ist. Der Mann hatte - nachdem sein Zug wieder einmal Verspätung hatte, diese wieder einmal nicht angesagt worden war (dabei sind Verspätungen bei der Bahn immer angesagter…) und die senk-juh-vor-trähfellink-Bahn sich wieder einmal nicht in der Lage sah, sich wenigstens zu entschuldigen - einfach dem Lokführer ein paar vors Maul gehauen. Respekt! Wenn die Bahn immer mehr Schalter zumacht, den Service immer weiter verschlechtert und die Fahrpläne immer mehr zur virtuellen Realität verkommen lässt, dann wird sie sich auf eine Häufung dieser Art von Kunden"kontakten" einstellen dürfen.

By the way: Wenn das Schule macht, können Schimmi und Co. bei der Post sich gleich schon einmal Eishockeymonturen zulegen - Ganzkörperschutz wäre da wohl mehr als angezeigt.

ni